Thorben

Die ersten 9 Monate seines Lebens verliefen völlig problemlos wenn man davon absieht, dass er nie durchschlief und den ganzen Tag essen konnte. Für uns völlig ohne Grund, fing er im Alter von 10 Monaten an zu schreien. Das sehr ausgeprägt und stundenlang. Ein Beruhigen war nicht möglich.
Alle Ärzte bescheinigten eine gute Gesundheit.

Mit der Zeit wurde das Schreien zum Weinen, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Thorben lernte zunächst weder Krabbeln noch Sprechen. An seinem ersten Geburtstag robbte er sich zum ersten Mal überhaupt einen Meter voran. Es sollte noch ein halbes Jahr dauern, bevor er laufen konnte, er krabbelte nie.
Er bewegt sich eigentlich generell nicht gern, auch heute noch nicht. Fahrradfahren erlernte er erst mit Sechs und nur sehr mühselig und mit viel Geschrei, Schaukeln sogar erst mit sieben Jahren. Er wurde mir für den Kindersitz aber einfach zu schwer. Wo er saß, da saß er.

Er konnte sich stundenlang selbst beschäftigen, z. B. auch mit aus-dem-Fenster sehen. Wären da seine Schreiattacken nicht, man hätte ihn als sehr pflegeleicht und glücklich empfinden können. Er lebte in seiner Welt und war zufrieden wenn man ihn nicht störte.

Sprechen war bis zu seinem dritten Lebensjahr bis auf ein paar Worte, ausnahmsweise, wenn er wirklich gut zufrieden war, völlige Fehlanzeige. Ein weiterer Arztbesuch ergab keinen Grund. Auch in dieser Richtung war er gesund, einzelne Worte sprach er auch schon mal. Wir dachten, er sei eben etwas zurück in seiner Entwicklung und vielleicht nicht gerade der " Hellste".

Im Alter von drei Jahren kam er in den Kindergarten. Er sonderte sich schnell ab, verschwand in der Bauecke und schrie, sobald sich ihm ein Kind näherte.
Im Stuhlkreis verweigerte er sich völlig, legte sich oft längs unter die Heizung. Sollte er sich dazusetzen, schrie er.
Mit seiner Schreierei hatte er die Erzieher im Griff. Er bekam jeden Willen sofort, ansonsten setzte er ihn mit seinem Geschrei durch. Er machte nichts mit. Mit ihm wollte niemand spielen, er aber auch mit Keinem.
Im kompletten ersten Kindergartenjahr war er stumm. Wollte er etwas, zeigte er schon mal mit dem Finger darauf. Ansonsten schrie er so lange, bis man ihn verstanden hatte.
Zwischenzeitlich hatten wir uns mal mit Autismus auseinandergesetzt, aber wieder verworfen.

Im zweiten Kindergartenjahr wurde es etwas besser. Er setzte ich mit in den Stuhlkreis, wenngleich er auch bis zuletzt die Mitarbeit verweigerte.
Man merkte, er konnte reden, war aber eher maulfaul und hatte seine Zeichensprache. Zu Kindern hatte er kaum Kontakt. Ich versuchte es immer wieder und machte Verabredungen für ihn. Meistens ging es daneben.
Er fand ein fast 2 Jahre älteres Mädchen, das ihn "betüdelte". Die ließ er an sich ran, bei anderen Kindern fing er wieder an zu schreien. So ging er durch den Kindergarten.

Als er im dritten Kindergartenjahr lesen konnte, durfte er sich ein Buch mitbringen. Somit verschwand er nicht mehr in die Bauecke, was sowieso immer in einem Desaster endete, denn irgendwann mussten seine Bauwerke ja aufgeräumt werden und andere Kinder wollten auch mal. Er ging in der "Kuschelecke" und las.

Ostern vor der Einschulung meldete ich ihn vom Kindergarten ab, er war nicht mehr bereit hinzugehen, schrie nur noch. Das Mädchen, das er mochte, war bereits in der Schule.

Trocken war er bis zum Ende der Kindergartenzeit nicht. Er nässte und kotete noch regelmäßig ein. Tags wie Nachts. Im Kindergarten war er das einzige Pamperskind, was weder für ihn, noch für andere Kinder ein Problem darstellte. Auch was das betraf ist jede Krankheit ausgeschlossen worden und mit Hilfe einer Klingelhose wurde er zuhause an den Toilettengang erinnert.
Mitte des 6.Lebensjahres hatte er es dann auch nachts geschafft und bis auf gelegentliche Ausrutscher war er endlich trocken.

Die Schule verlief in den ersten beiden Jahren eigentlich problemlos. Sein Verhalten schob man auf Unterforderung. Die Lehrerin schaffte einen Zugang zu ihm, sorgte dafür, dass er in der Klasse zwar keine "guten" Freunde fand, hatte aber Kontakt und wurde nicht abgelehnt.
Thorben sprach zumindest mit ihr, wenn auch nicht im Unterricht, so doch in den Pausen. Er blieb ein Eigenbrödler, der sich im Unterricht verweigerte. Dadurch, dass er eigentlich den Stoff des ersten Schuljahres beherrschte, nahm er es nicht so ernst. Die Lehrerin meinte es würde wohl noch kommen. Er bräuchte seine Zeit, die man ihm geben könne, da er sehr intelligent sei.
Alles was er im Unterricht machen sollte quittierte er mit dem Kommentar: "Kann ich nicht", und machte es nicht. Egal ob aktuellen Unterrichtsstoff oder Anspruchsvolleres. Saß da, schaute aus dem Fenster, träumte, suchte seine Sachen, die in einem Chaos um ihn herum verteilt waren. Sie lagen ihm vor der Nase, doch er fand sie nicht und brach in Weinen aus. Er war schwer tröstlich und legte damit den Unterricht lahm.

Hausaufgaben dauerten Stunden und waren fast täglich unvollständig. Informationen zum Schulalltag, Schulbücher, Hefte, Stifte etc. gingen verloren.
Wir probierten einen Verstärkerplan, der nach einer Zeit eine Besserung brachte. Er musste sich die Hausaufgaben täglich quittieren lassen, damit ich sie zuhause kontrollieren konnte.
Als der Plan abgesetzt wurde, fing das Aufgabenproblem von neuem an. Da Thorben es ja nun bewiesen hat, dass er es "konnte", war die Schule an keinem weiteren Verstärkerplan mehr interessiert. Er müsse und könne es allein schaffen.

Durch das Internet kam ich das erste Mal auf ADS. Konfrontierte die Schule mit meiner Vermutung, doch da sie sich auskannten, konnten sie mir ernsthaft erklären, dass unser Sohn das bestimmt nicht hätte.
Es gäbe schließlich Tage, da würde er sehr gut mitmachen. Mit Konzentrationsproblemen ginge das nicht. Also ließ ich es erstmal fallen.

Zuhause verlief das Zusammenleben auch nicht gerade unproblematisch. Alles was zeitgebunden war, war katastrophal. Er bekam die normalsten Dinge nie geregelt, saß ständig über irgendwelchen Büchern, Zeichnungen oder sonst was. Alltägliche Dinge, die sein Bruder längst in dem Alter konnte, konnte er nicht machen. Sei es deswegen, weil er nicht sprach, oder deswegen, weil er nie in einem einigermaßen akzeptablen Zeitrahmen ankam.

Fast ein Jahr, nachdem mir die Schule versicherte er könne kein ADS haben, suchte mir doch die nächst beste Psychologin und ließ ADS ausschließen. Sie beschäftigte sich ausgiebig mit ihm und meinte es sei ein Erziehungsfehler, wir seien zu nachsichtig mit ihm, er setze seine Intelligenz ein, Erwachsene im Griff zu haben. Wir sollten uns durchsetzen bei dem Kind.
Was wir taten - und bei Thorben ging die Welt unter, es
wurde schlimmer denn je.
Wir ließen es wieder bleiben.

Im dritten Schuljahr eskalierte das Ganze auch in der Schule. Dort war man nun auch der Meinung, dass Thorben mittlerweile alt genug sei, sein Verhalten zu bestimmen und man hielt es für Absicht.
Dieses Kind würde provozieren, er will nur ärgern. Und überhaupt kein Wunder, dass niemand etwas mit ihm zu tun haben wolle. Mit Druck und Konsequenzen wollte man es in den Griff bekommen und bewirkte genau wie wir zuhause das Gegenteil.
Doch leider sah man das nicht so, sondern verstärkte den Druck, man meinte wohl, er sei noch nicht ausreichend. Der letzte noch mögliche Rest ging vollends den Bach runter, das Kind war ein seelisches Wrack, nur noch am heulen.
Dieses führte zu weiteren Ausgrenzungen in der Schule. Er hatte auch dort seine Gefühle nicht mehr im Griff. Die Kinder führten den Druck der Lehrer auf dem Pausenhof unter den Augen der Lehrer weiter. Erst als er völlig am Boden war hat er zuhause erzählt was in der Schule los war.

Mittlerweile hatte ich jedoch durch Zufall mitbekommen, dass diese Psychologin, bei der wir ADS ausschließen ließen, gar keine Ahnung von ADS hat und ich hatte eine neue Adresse ausfindig gemacht. Ihn dort vorgestellt...

Er hat ADS ohne Hyperaktivität. Er bekommt seit Mitte letzten Jahres Ritalin mit fast gleichzeitigem Start der Psychotherapie aufgrund seiner seelischen Verfassung.
Die Schule war zunächst sehr skeptisch, akzeptierte jedoch meinen Entscheid für Ritalin. Sie waren noch immer davon überzeugt, dass es kein ADS sein könne. Nach einiger Zeit revidierten sie ihre Meinung.

Thorben ist ein ganz anderes Kind geworden.
Viel umgänglicher, fröhlicher, ausgeglichner. Er wurde binnen kürzester Zeit vom Verweigerer zum Klassenbesten, die Kinder akzeptieren ihn wieder, er hat Verabredungen und quasselt wie ein Wasserfall.

Stand: 13. 02. 2003