Sebastian

Sebastian war von Anfang an ein cleveres Kerlchen. Im Alter von 5 Monaten krabbelte er durchs Wohnzimmer, zu Beginn des 9. Monats machte er seine ersten Schritte ohne Hilfe.

Er begann sehr früh zu sprechen, wobei er schnell ganze Sätze hervorbrachte. Sein Wissensdurst war unersättlich. Gleichzeitig liebte er es, mit allen "Erwachsenengerätschaften" zu werkeln. Kinderspielzeug mochte er nicht - er wollte immer alles "in echt" - egal ob Säge, Bohrmaschine, Fotoapparat oder Musikinstrument. Alles musste "richtig" funktionieren, nicht mit Batterie und so tun als ob ... Er wollte Ergebnisse sehen!
So war er zutiefst enttäuscht, als Weihnachten eine Werkbank unterm Christbaum stand, die zwar alles Werkzeug enthielt - aber eben als Spielzeug. Damit konnte er nichts anfangen ...

Natürlich hielt mich der Mutterinstinkt davon ab, ihm alles zu gewähren, weil ich es für zu gefährlich hielt - also stahl er sich immer wieder heimlich in die Werkstatt von Papa oder wickelte Opa um den Finger, damit er an die "richtigen" Sachen heran durfte.

Sein Freiheitsdrang war riesig. Bereits mit einigen Wochen schrie er die ganze Gegend zusammen, wenn er im Kinderwagen lag und das Verdeck war geschlossen - er musste immer alles sehen, was um ihn herum vorging.
Kaum, dass er lief, machte er sich gerne selbständig - egal, ob im Supermarkt, auf der Straße oder beim Spaziergang im Wald: Er wollte alles inspizieren, stellte Fragen ohne Ende, hatte ein sehr eingeschränktes Schlafbedürfnis, erkletterte sich alle nur erdenkbaren Gegenstände - kurz: Das Leben mit ihm war sehr anstrengend.

Mit 3 Jahren kam er in den Kindergarten - den er sehr liebte. Die Erzieherinnen "klagten" zwar immer wieder, dass er sich nicht am Stuhlkreis beteiligen wolle, dass er "seine Ecke" nicht aufräume, dass er keine Bastelarbeit fertig stelle - letztlich ließen sie aber seinen Freiheitsdrang zu und engten ihn nicht ein.
Wollte er die Gruppe wechseln, weil dort etwas Interessantes getan wurde, so durfte er das. Mochte er lieber draußen spielen, anstatt sich ein Märchen anzuhören, so wurde ihm auch das gestattet.
Da er ein sehr charmantes und pfiffiges Kerlchen war, nahm man ihm seine Eigenwilligkeit nicht übel.

Nie, aber wirklich niemals, wäre jemand in der Familie oder aber eine der Erzieherinnen darauf gekommen, dass mit Sebastian etwas "anders" sein könnte.
Klar - er war unheimlich aufgeweckt, kapierte alles beim ersten Mal, hatte ein unglaubliches Gedächtnis, zeichnete mit einer Detailversessenheit z. B. landwirtschaftliche Maschinen - war auf der anderen Seite aber auch unkonzentriert, wenn man ihm etwas erklärte, wonach er nicht gezielt gefragt hatte, interessierte sich nicht für die "schulvorbereitenden" Dinge im Kindergarten, war unaufmerksam, wenn für irgendetwas besonders geübt wurde ...

Den Schuleignungstest machte er mit Leichtigkeit - ohne, dass die Ärztin irgend eine Auffälligkeit festgestellt hätte. Ihr fiel nicht auf, dass Sebastian alle Tests bestens erledigte, und ihr fiel auch nicht auf, dass er sofort abschaltete und gelangweilt zum Fenster hinaus sah, als sie ihn nach Dingen fragte, die er schon wußte.

So war es für ihn selbstverständlich, dass er im 100er-Raum rechnen, dass er lesen und schreiben konnte und Dinge zusammenbaute, die eigentlich für 12 - 16 Jährige gedacht waren.
All dies fiel der Ärztin nicht auf - weil Sebastian die Dinge nicht als etwas Besonderes empfand und demnach auch nicht "vorführte".

So wurde Sebastian also mit 6 1/2 Jahren eingeschult.
Klar - er freute sich auf die Schule, stellte er sich doch vor, dort innerhalb von 14 Tagen so schnell wie Mama schreiben zu lernen, so fix wie Papa rechnen und wie die große Schwester lesen zu können.
Als sich dies alles als Trugschluss für ihn herausstellte (er durfte weder lesen noch schreiben, sondern musste sich in seinen Leistungen den anderen anpassen ... "Vorarbeiten" wurde bestraft - nur leider wussten wir nichts davon), wurde aus unserem kleinen, charmanten Kerlchen nach und nach ein unausstehliches Kind.
Kam er mittags von der Schule nach Hause, saß er bei der kleinsten Frage "Wie war es denn heute" bereits "auf der Gardinenstange". Er schimpfte über die Lehrerin, die ständig schrie, über die Mitschüler, die zu laut seien - kurz: der Frust fraß sich immer tiefer in ihn hinein.
Das einzige Wort, das jeden Mittag über seine Lippen kam, war: Langweilig.
So beschrieb er jeden, aber auch wirklich jeden Schultag.

Selbstverständlich hielt ich Kontakt zur Lehrerin - um von ihr immer wieder zu hören, Sebastian könne, wenn er nur wolle - alles sei normal. Er müsse sich einfach mehr konzentrieren, er dürfe nicht immer zum Fenster hinaus sehen und sich von allem ablenken lassen ...
Sie habe eine "so schlimme" Klasse, sie müsse den Kindern die Regeln jeden Tag aufs Neue eintrichtern, nichts würde klappen, nur die Mädchen seien "lieb", die Jungs dagegen alle Monster. Es gäbe mindestens 2 - 3 auffällige Kinder in der Klasse - zu denen Sebastian allerdings auf keinen Fall zähle (die Klasse zählte 17 Kinder, 12 Mädchen und 5 Jungs).

Zu Beginn der 2. Klasse wollte Sebastian nicht mehr zur Schule gehen. Er hatte häufig Kopfschmerzen, Bauchschmerzen - aber alle Untersuchungen bei Hausarzt, Ohrenarzt, Augenarzt verliefen ohne Befund.

Sebastians Leistungen wurden immer schwächer - er schaltete immer mehr ab. Hausaufgaben wurden zum täglichen Kampf.
3 - 4 Stunden waren die Regel - und diese wurden verbracht mit lautem Geschrei, mit Weinen, Brüllen, Schimpfen - abgewechselt von aus dem Fenster sehen, Bleistift anspitzen, etwas nachsehen ... Nur nicht mit dem, was eigentlich getan werden sollte: Mit Schreiben, Rechnen oder Lesen.
Stand ein Diktat an, so konnte er im Prinzip alles, was geschrieben werden sollte. Dennoch fühlte ich mich als "gute Mutter" befleißigt, mit ihm zu üben - "weil man das eben machen muss".
Bis dass ich irgendwann feststellte: Je mehr ich mit ihm (unter Gebrüll und Geschrei) "übte", desto miserabler wurden seine Leistungen. Wörter, die er ohne Wiederholung einwandfrei schrieb, wimmelten nach dem 3. oder 4. Schreiben vor Fehlern.

Natürlich hatten wir bis zu diesem Zeitpunkt noch nie etwas von Hochbegabung oder ADS gehört.
Wir dachten, er müsse sich mehr anstrengen, er müsse mehr Bereitschaft zeigen, er müsse, er müsse, er müsse ...
Wir hinterfragten unsere Erziehung, machten uns im Elternhaus gegenseitig Vorwürfe, setzten das Kind und auch uns unter Druck - und kamen dennoch zu keinem Ergebnis.
Es war für uns unerklärlich, warum er die Dinge konnte, dann aber in der Schule, wenn es gefordert war, versagte.

Zwischenzeitlich hatte ich über diverse Suchmaschinen im Internet eine vage Vorstellung erhalten, was mit meinem Sohn sein könnte ... ich las erstmals die Begriffe Hochbegabung und ADS, dennoch passte mein Sohn weder in die eine noch in die andere Schublade - also konnte ich auch niemanden definitiv danach fragen.
Meine Verunsicherung war so groß und ich fürchtete, für verrückt erklärt zu werden, wenn ich das Wort Hochbegabung nur in den Mund nähme - und ADS, nein das wollte ich erst recht nicht akzeptieren müssen.

Und immer noch hieß es in der Schule: es ist alles normal. Meine Bitte nach Einschaltung des Schulpsychologen wurde abgewiesen: alles völlig in Ordnung.

Aber das Kind entglitt uns immer mehr. Er war in keinster Weise mehr ansprechbar für schulische Belange, ließ keinen Körperkontakt mehr zu, verweigerte sich bei allem, was von ihm erbeten wurde.
Er fing an, merkwürdige Eigenheiten zu entwickeln - so räusperte er sich regelmäßig, bevor er sprach, auf Fragen kam die Antwort erst nach dreimaligem tiefem Luftholen und Schlucken, und immer öfter brachte er überhaupt keinen Ton mehr heraus. Am Schlimmsten war der Tag, an dem er erstmals Suizidgedanken äußerte.
Und das alles sollte normal sein ...?

Also setzte ich mich über die Schule hinweg und vereinbarte einen Termin beim Schulpsychologen - den ich dann auch nach 5 Monaten - in den Schulferien, die 3. Klasse hatte Sebastian inzwischen hinter sich - bekam.

Der Schulpsychologe begrüßte meinen Sohn kumpelhaft und "entführte" ihn sogleich in sein Arbeitszimmer - mich schickte er zum Einkaufen: Ich könne nach 5 Stunden wieder kommen.
Als ich dann mittags auf der Matte stand, wurde mir erklärt, er müsse Sebastian noch einmal sehen, um weitere Tests zu machen. Kein Wort zu dem, was am Morgen war ...
Also marschierten wir 3 Wochen später nochmals zur Beratungsstelle: Wieder konnte ich in die Stadt gehen, diesmal durfte ich jedoch nach 2 Stunden wieder kommen.
Im Beisein Sebastians erklärte Herr D., dass keine Legasthenie vorläge, um mir dann mit 1000 weiteren Worten verschlüsselt mitzuteilen:
-
dass das Kind die Tests alle sehr gut abgeschlossen habe ...
- "PR von 98/99 erreicht" habe ("Was ist PR ???" ... erklären konnte er es nicht) ...
- Konzentrationsmangel vorhanden sei ...
- er (der Psych.) habe mit Kollegen ein Buch verfasst ... außerdem hätte das Ministerium ein Schreiben herausgegeben und ob er mit der Schule reden soll ...
Bla bla bla bla... usw. usf... nur leere Worthüsen!

Tja, aber leider - er nahm nicht ein einziges Mal die Wörter "Hochbegabung" und "ADS" in den Mund - sodass ich hinterher im Prinzip genauso schlau war wie vorher. Auf meine Nachfragen erhielt ich keinerlei schlüssige Antworten. Wenn eines von diesen Dingen vorliegen würde, dann hätte er es mir doch bestimmt gesagt ... Also musste ich mich irren!

Ich wusste zwar: keine Legasthenie, Tests sehr gut ... ja, und wie sollte ich mir nun selbst alles erklären? Warum schrieb mein Sohn in einem Satz tausend Fehler, warum wurde mein Sohn von der Fliege an der Wand gestört, warum konnte und wusste mein Sohn so viel, ohne es in der Schule einsetzen zu können?
Fragen über Fragen - und keine Antworten.
Auch nach einem 3. Testtermin "zur genauen Abklärung" wieder nur leere Worthülsen statt eindeutiger Aussagen!

Also setzte ich meine ganze Hoffnung auf das Gespräch, dass Herr D. mit der Schule führen wollte - ich erhoffte mir hier die ersehnte Aufklärung - vielleicht würde er unter "Seinesgleichen" innerhalb des Lehrerkollegiums ja konkreter werden...
Aber auch dieses Gespräch - es ging über 3 Stunden und ich war dabei nicht "zugelassen" - brachte nichts.
Man hatte wohl über alles Mögliche gesprochen - aber wieder hatte Herr D. keine konkreten Aussagen gemacht. Weder hatte er über ADS noch über Hochbegabung gesprochen... zumindest war bei Sebastian's Lehrern davon nichts angekommen.

Und nun? Ich war es leid.
Es war ein glücklicher Zufall, dass ich in einem kurzen Zeitungsbericht vom ersten Verein für hochbegabte Kinder in unserem Bundesland erfahren hatte und ich rief kurz entschlossen dort an.
Natürlich wusste ich noch immer nicht so genau, wie ich "mein Problem" an den Mann bringen sollte - aber man nahm mir gleich die Initiative ab, sagte mir auf den Kopf zu, dass ich den Gedanken habe, mein Kind könnte hochbegabt sein ... ich sollte doch mal zu einer ersten Testung mit Sebastian vorbeikommen, vorab solle ich schon mal einen kurzen Entwicklungsbericht schicken ...

Bangen Herzens fuhr ich mit Sebastian im September zum Termin. Ich wurde gleich begrüßt mit der Aussage, dass der Entwicklunsbericht meines Sohn sehr viele Merkmale eines hochbegabten Kindes aufweise, man brauche jedoch noch mehr Angaben und wolle sich ein genaueres Bild verschaffen.
Es wurden Fragebögen ausgefüllt - der Verdacht "hochbegabt" erhärtete sich immer mehr - dennoch kamen wieder enorme Zweifel auf, als der Initiator der Organisation von seinen hochbegabten Kindern berichtete ... Der eine war so alt wie mein Sohn, hatte die Klasse schon zweimal übersprungen, hatte keinerlei Schwierigkeiten in der Schule, war zwar verschusselt, konnte sich aber mit allem arrangieren ... kurz, man hatte alles im Griff. Und wir?

Ich bekam die Adresse eines Psychologen, mit dem der Verein schon öfter zusammen gearbeitet hatte - dieser kenne sich mit Hochbegabung sehr gut aus.
Und wieder hieß es warten ... auf den Termin beim Psychologen Herrn H., den wir für Anfang Dezember hatten.
Aber Gott sei Dank - dieser Termin sollte die Wende bringen:

Nach einer ausführlichen Anamnese, in der ich die ganzen Verhaltensauffälligkeiten schilderte, wollte Herr H. testen. Diesmal durfte ich sogar am Anfang dabei bleiben ... und hatte ein Aha-Erlebnis nach dem anderen.
Mein Kind, das bei dem vorhergehenden Gespräch mit dem Kopf auf dem Tisch gelegen und gelangweilt aus dem Fenster gesehen hatte, erklärte sich lustlos zu einem Test bereit - um bei den ersten Testkarten mit steigender Schwierigkeit immer mehr Interesse zu zeigen.
Schließlich konnte er nicht genug bekommen - er wollte immer mehr Testkarten, immer andere, schwerere ... ich hätte jubeln können:
Mein Kind bewies, dass es sehr wohl aufmerksam sein konnte, dass es sich auf Dinge konzentrieren und die richtigen Lösungen wie aus der Pistole geschossen hervorbringen konnte.
Weitere Tests sollten sofort im Anschluss folgen, ich könne jetzt in die Stadt gehen ... das kannte ich doch schon, dass ich weg geschickt wurde!
Dennoch ging ich nicht so mutlos wie beim Schulpsychologen - ich hatte Hoffnung geschöpft die dann, nach endlosen Stunden, am frühen Nachmittag bekräftigt wurde.
Herr H. erklärte mir, dass er zwar noch alles genau auswerten müsse und weitere Untersuchungen nötig seien, jedoch jetzt bereits fast sicher sagen könne, dass Sebastian ein ausgeprägtes ADS habe mit gleichzeitiger Hochbegabung.
Er empfahl mir die Bücher "Das hyperaktive Kind und seine Probleme" von Cordula Neuhaus und "Das ADS-Buch" von E. Aust-Klaus und P.-M. Hammer.
Diese Bücher solle ich doch bitte bis zum nächsten Termin durcharbeiten ... dann könne man sich über weitere Maßnahmen unterhalten. Das schriftliche Gutachten sei bis dahin auch fertig.

Überglücklich und gelöst fuhr ich mit meinem Kind nach Hause - hatte doch jetzt der ganze "Krampf" einen Namen.
Auch Sebastian war zufrieden - er hatte erstmals seit langer, langer Zeit Dinge getan, die ihn zutiefst befriedigten: Er hatte die Tests super gelöst, er hatte nicht abgeschaltet, weil ihm langweilig war - nein, es hatte ihm Spaß gemacht, weil "sein Kopf" gefordert war..

Zuhause bestellte ich telefonisch sofort die beiden empfohlenen Bücher und stürzte ich mich an den Computer, um im Internet zu suchen. Ich wollte alles wissen. Alles über hochbegabte ADS-Kinder.
Was ich fand war - eigentlich nichts. Sicher - ich fand Seiten über ADS und ich fand Seiten über Hochbegabung - aber Seiten, die das Problem in Gemeinsamkeit behandelten, fand ich nicht.

Also musste ich mühsamst alles einzeln zusammentragen - musste Verbindungen herstellen zwischen ADS und Hochbegabung ...

Was folgte, war ein langer und mühsamer Weg, den wir jedoch gerne gingen, wussten wir doch jetzt, was Sache war ...
Zunächst wurde Sebastian, nach körperlichen Untersuchungen und ausführlichen Gesprächen beim Psychologen, von unserer Hausärztin auf Ritalin eingestellt - diese Maßnahme hatte uns schlaflose Nächte beschert mit der Diskussion Ritalin ja oder nein.
Schließlich haben wir uns dafür entschieden - und wir sollten es nicht bereuen (eine Verhaltenstherapie bei Herrn H. folgte etwas später - und sie erwies sich als überaus erfolgreich ... auch für uns Eltern!).

Bereits nach der ersten halben Tablette, die Sebastian genommen hatte, waren enorme Veränderungen festzustellen, wie Schriftproben von zwei aufeinanderfolgenden Tagen beweisen (Schriftproben ansehen).

In dem Maße, wie sich Sebastians schulische Leistungen verbesserten, stieg auch sein Selbstbewusstsein an. Nach zwei Wochen schrieb er die beste Mathearbeit - er hatte als einziger eine 1. Und auf dem Leistungslevel sollte es noch einige Wochen (in allen Fächern!) weitergehen - bis ...

... ja, bis bei Sebastian erste "Abnutzungserscheinungen" auftraten.

"Wie war's in der Schule?" - "Langweilig!" lautete die stereotype Antwort.
Wieder kam er Tag für Tag nach Hause, war unzufrieden, missmutig, die Hausaufgaben wurden wieder zum täglichen K(r)ampf.

Warum? Sebastian langweilte sich in der Schule zu Tode!
In allen Fächern war er seinen Schulkameraden voraus - und wieder stand er an dem Punkt, an dem er begann, "dicht" zu machen ... Wir ließen ihn weitgehend in Ruhe, hatten wir doch mittlerweile aus den Machtkämpfen der vergangenen Jahre gelernt. Wir ließen die Hausaufgaben einfach laufen, versuchten, die verbleibende Grundschulzeit einfach abzuwarten.

Wir setzten auf Zeit - auf die wenigen Wochen, die es noch dauern würde, bis Sebastian zum Gymnasium wechseln sollte (eine 14tägige Hospitation dort während des laufenden Schuljahres war ihm verwehrt worden).

Nach den Sommerferien ging es also in der neuen Schule los - zuerst sehr hoffnungsvoll mit einer 2+ in Mathe ... und einem zufriedenen Kind!

Leider dauerte diese Phase nur 6 Wochen - dann war unserem Sohn wieder nur langweilig. Ich konnte dieses Wort nicht mehr hören - aber ich merkte, dass es ihm Ernst war, dass er den neuen Schulstoff nicht mitbekam, weil er tatsächlich schon wieder abschaltete, da es ihm nicht schnell genug ging.

Er zog sich immer mehr zurück, sprach kaum noch, verweigerte jedwede schulische Leistung. Leider konnte (bzw. wollte) die Schule sein Verhalten nicht akzeptieren (... "solche Kinder haben an meiner Schule keinen Platz" - so das wörtlliche Zitat der Direktorin) - wofür also in dieser Schule kämpfen?

Uns blieb nur ein Weg, um Sebastian aus dieser Misere heraus zu holen:
Im April 2001 wechselte er zu einer Privatschule, an der er endlich kein Außenseiter, kein Exot, mehr ist.
Das Konzept dieser Schule ist in Deutschland weitgehend einzigartig.
Es ist auf Kinder mit ADS ausgerichtet - mit Konsequenz, Führen eines Entwicklungsplanes, Belohnungssystem, Förderunterricht, Hausaufgabenbetreuung im täglichen Silentium, viel Abwechslung im Schulalltag und Interesse für das einzelne Kind wird hier versucht, die Persönlichkeit zu stärken, Schwächen zu beheben und Begabungen zu untermauern.

Wir hoffen, dass sich Sebastian an dieser Schule zu einem glücklichen Menschen entwickeln kann ... mit all seinen Fähigkeiten, aber auch seinen Stärken und Schwächen genau zu dem Menschen wird, der in ihm steckt.

Natürlich müssen wir zu Hause zusätzlich für genügend "geistiges Futter" sorgen und es bleibt abzuwarten, ob Sebastian die neuen Herausforderungen auch wirklich annimmt.

Aber das Lachen und fröhliche Pfeifen unseres Kindes, das wir jetzt - nach fast 5 trostlosen, leidvollen (Schul-)Jahren - immer öfter zu Hause hören, lässt uns für die Zukunft hoffen ...


Nun, mittlerweile haben wir Juli und unser Sohn hat sein erstes Zeugnis an der neuen Schule erhalten ... es war phantastisch!
Hätte uns das jemand vor 1/2 Jahr gesagt, wir hätten ihn für verrückt erklärt.
Unser Kind war zum ersten Mal so richtig stolz auf sich!
Endlich wird auch seine Kreativität gewürdigt und endlich erkennt man seine Phantasie, seine weitreichenden Kenntnisse, sein vielseitiges Wissen und den Ideenreichtum an.

Auch die Verhaltenstherapie zeigt nun Früchte - er ist in der Lage, sehr viel davon umzusetzen und anzuwenden. Sebastian hat sich so sehr zum Positiven hin entwickelt, dass man es fast nicht glauben kann - sein Selbstbewusstsein ist gestärkt, er ist offen, frei, zugänglich - kurz: man merkt, dass er sich jetzt recht wohl fühlt in seiner Haut.
Seine Konzentrationsphasen werden länger und oft ist er in der Lage, auch seine Impulsivität im Zaum zu halten, sodass wir mittlerweile die Ritalinvergabe an den Wochenenden und in den Ferien auslassen können.
Wir hoffen, in absehbarer Zeit auch während der Schulstunden darauf verzichten zu können ...