Michael

Zur Erklärung: Michael ist Schweizer - dort spricht man von POS, wenn man ADS meint. Das dortige Schulsystem unterscheidet sich ein wenig vom deutschen - aber was gemeint ist, erklärt sich - genau wie die "typischen Redewendungen" - von selbst.
Daher habe ich den Text unverändert übernommen.

Lebenslauf unseres Sohnes Michael


Michi wurde als 2. Kind geboren. Er war knapp 15 Monate jünger als seine Schwester. Die Schwangerschaft verlief sehr gut. Manchmal war ich mir zwar nicht sicher, ob das Kind noch lebt. Ich habe dann bei den Füßchen gedrückt und bekam daraufhin auch ein Lebenszeichen. Aber bereits während der Geburt war es dann vorbei mit dem ruhigen Kind. An einem Mittwoch abend nach dem Schwangerschaftsturnen bekam ich einen unbändigen "Gluscht" auf Käse, ich, die sonst keinen Käse isst. Gottlob hab ich nicht zu viel Käse gegessen. Mein Mann rief mich an, ob er denn nach Hause kommen müsse oder im Hotel übernachten könne. Ich sagte ihm vorsichtshalber er solle nach Hause kommen.
Um halb zwei Uhr morgens ging er ins Bett, ich schlief bereits, als es um 2 Uhr in meinem Bauch einen riesigen Knall gab. Die Fruchtblase war gesprungen. Ich nahm noch eine Dusche und wollte noch die Wäsche aufhängen, Wehen hatte ich nämlich immer noch keine. Habe gottlob meinen Mann geweckt und kurz darauf ging es los. 90 Minuten Wehen ohne Unterbruch und unser Sohn war geboren.
Ab jetzt war es vorbei mit der Ruhe. Er war so gierig und nervös, dass ihm jeweils eine Schwester den Kopf führen musste damit er von der Brust trinken konnte. Er hat so schnell und gierig getrunken, dass er nach dem Stillen die Hälfte wieder erbrach. Wenn er wach war, brüllte er.
Er schlief aber gottlob schon bald nachts durch von 18.00 Uhr bis 09.00 Uhr mit einer Mahlzeit um 02.00 Uhr. Er nahm ab statt zu. Er hatte immer Durchfall, Bronchitis, Lungenentzündungen. Bis er 6 Monate alt war, wurde er 3 mal hospitalisiert wegen Durchfall und Fieber. Wenn er schlief lag er da wie ein Brett, ganz steif.
Er konnte mit 4 Monaten die Arme nicht vor das Gesicht nehmen. Er lag auf dem Rücken, streckte sich ganz durch, drückte den Bauch nach oben und schleuderte sich so rückwärts. Er wurde auf Hüftdysplasie untersucht, aber der Befund war gottlob negativ. Die Mütterberatungsschwester riet mir zu Physiotherapie. Der Arzt wollte erst nicht, auf mein Drängen hin schrieb er dann aber doch eine Ueberweisung. Mit Hilfe der Therapie konnte sich unser Sohn bald besser bewegen. Mit 6 Monaten drehte er sich durch die Wohnung und war dann etwas zufriedener.
Wir hatten anschliessend eine gute Zeit. Wenig Krankheiten, guter Appetit.
Mit 10 Monaten die ersten Worte, mit einem Jahr die ersten Sätze und 12 kg schwer.
Mit 3 Jahren 10 kg. Die Therapie wurde wieder gestrichen. Nun ging es wieder los. Lungenentzündungen, Durchfall, Bronchitis, Absenzen, Krankenhausaufenthalte. Zum Ausschluss einer Hausmilbenallergie ging ich mit einem knapp 3-jährigen Kind und einem 21 Monate alten Kind, das knapp Gehen konnte aber sprach wie ein 5-jähriger, nur mit Antibiotika und Cortison gesund war, alleine 3 Wochen auf die kanarischen Inseln über Weihnachten. Der Aufenthalt brachte lediglich die Erkenntnis, dass unser Sohn keine Allergie hatte. Wir zügelten und er konnte den ganzen Tag draussen spielen, hatte gute Nachbarskinder und wurde schlagartig gesund.
Unser Kind blieb aber komisch. Er hörte Kassetten und schob dazu ein Autöli hin und her.
Draußen spielte er bzw. schaute zuerst abwartend zu und beteiligte sich dann anschließend am Spiel. Die Großmutter durfte ihn nicht küssen, das schüttelte ihn. Die Nachbarin durfte ihn nicht tadeln (er hatte alle Blumen geköpft im Garten) und er kam brüllend nach Hause und sagt "Dora böse Frau".
Auffallend war , dass er nicht spielen konnte, weder mit den Klötzen noch mit den Duplo, noch sonst mit irgendetwas. Hingegen beteiligte er sich an den Gesprächen der Erwachsenen und verblüffte durch seine Menschenkenntnis.
Mit 3 Jahren ging ich wieder zum Arzt und sagte ihm, da stimme doch was nicht und ich wolle eine Frühförderung für das Kind. Ich musste praktisch mit Waffengewalt drohen, damit ich die Überweisung bekam.
Die Spieltherapeuten stellte sofort fest, dass hier irgendetwas nicht stimmen konnte und schickte uns zur Abklärung nach Basel zu Frau Dr. Ruf. Sie sagte uns dann klipp und klar, unser Sohn hätte ein POS und sei leider nicht dumm, das würde die ganze Situation noch erschweren.
Sie erklärte uns auch, was wir schon alles falsch gemacht hätten und was wir auf keinen Fall mehr tun dürfen. Er hätte jetzt schon eine niedrige Frustrationstoleranz und sei leicht depressiv. Unser Kind war knapp 4 Jahre alt und er hatte soeben noch ein kleine Schwester bekommen.
Es wurde Psychomotoriktherapie verordnet und unser Kind genoss diese Therapie. Zuerst war er alleine, dann waren sie zu zweit.
Daneben förderten wir unser Kind so gut es eben ging. Damit sich sein Körpergefühl besser entwickeln konnte bekam er Tennisstunden. Wir lasen ihm viel vor und hörten viel Musik mit ihm.
Er kam dann in den Kindergarten mit 5 ¼ Jahren und entwickelte sich dank einer super Kindergärtnerin ganz toll. Auch die Kameraden akzeptierten ihn so wie er war, etwas eigenartig, aber ein toller Kerl. Er ging dann mit der älteren Schwester zu den Pfadfindern und war dort auch sehr beliebt. Er beobachtete seine Schwester in der Schule und hörte immer zu, wenn sie las. Seine Schwester konnte nach 3 Monaten Schule bereits fließend lesen. Das gefiel ihm und sie schauten zusammen Comics an und sie las sie ihm auch vor. Ebenfalls lasen wir jeden abend den Kindern eine halbe Stunde vor. Unser Sohn strotzte vor Selbstvertrauen und es ging ihm sehr gut.
Mit 7 ¼ stand die Einschulung an. Ich zweifelte ob er das packen würde, aber bei den Tests war er immer mit Abstand der Beste. Wir zogen um und schulten ihn am neuen Wohnort normal ein. (In der Schweiz gibt es die E-Klassen, da gehen die Kinder von Anfang an 2 Jahre in die 1. Klasse und wechseln anschliessend normal in die 2. Klasse). In der ersten Klasse ging es so gerade noch. Er hatte eine liebe Lehrerin, die ihn gut verstand und ihn nicht zu fest unter Druck setzte. In der 2. Klasse erhielt er eine Lehrerin, die nicht verstehen konnte, dass ein intelligentes Kind nicht schreiben kann (graphomotorische Probleme). Er musste in schöner Schrift Sätze abschreiben und durfte höchsten 3 Fehler haben. Aber schon nach einem Satz hatte er 5 Fehler. Die Hausaufgaben entwickelten sich zu einem Albtraum.
Mündlich waren die Leistungen sehr gut, bei Multiple Choice-Prüfungen schrieb er regelmässig 6 en (in der Schweiz ist die 6 die beste Note). Das Erlernen des 1 x 1 bereitete ihm große Mühe und der Druck von der Lehrerin war so hoch, dass er Horror hatte vor der Schule.
Mitte 2. Klasse wollte er aus dem Fester springen, setzte sich nur noch alleine an einen Tisch zu Hause und im Restaurant und war stark depressiv. Die Lehrerin sagte, er würde von uns zu fest unter Druck gesetzt und wir sollten ihn etwas mehr in Ruhe lassen und seine Freizeit nicht durchorganisieren, nicht immer fortgehen und mehr Zeit für unser Kind haben. Wir hatten das Büro zu Hause waren meist zu Hause, weil wir nämlich schon von ganz klein auf merkten, dass unser Sohn nicht gerne weg ging. Wir sagten die Blockflötenstunden ab, damit unser Sohn mehr Zeit hatte für die Hausaufgaben und hörten dann anschließend von der Schule, das käme dann überhaupt nicht in Frage, dass unser Kind wegen der Hausaufgaben nicht mehr in die Flötenstunde gehe, notabene von der gleichen Lehrperson, die tags zuvor gesagt hatte, wir sollten ihn in der Freizeit nicht so stark beschäftigen.
Nach der 2. Klasse ging unser Sohn in ein Wocheninternat für normalbegabte Kinder mit Lernstörungen. Er landete aber leider in einem Wocheninternat mit verhaltensaufälligen Kindern. Die Katastrophe war vorprogrammiert. Unser Sohn war hochsensibel und nicht verhaltensauffällig.
Die Leitung des Internates war völlig überfordert. 1 Lehrer mit 12 verhaltensauffälligen Kindern, das konnte ja nicht gut gehen. Der Internatsleiter bestritt die Diagnose POS (ADS) und wollte den Problemen der Kinder nur mit Erziehungsmaßnahmen begegnen. Es wurden keinerlei Therapien angeboten.
Nach 1 ½ Jahren nahmen wir unser Kind in einer Nacht- und Nebelaktion aus dem Heim und schulten ihn im Nachbarsdorf in der Sonderschule ein. Gleichzeitig begannen wir mit einer Ritalintherapie und mit einer Psychotherapie. Sein Lehrer verstand ihn gut und hatte selbst ein Kind mit einem POS. Unser Sohn erholte sich zusehends. Das Ritalin half ihm sehr dabei. Nach einem ½ Jahr wieder ein Lehrerwechsel, aber es ging weiter vorwärts. Auch dieser Lerher verstand unseren Sohn sehr gut und er bekam Freude an der Schule. Nach ½ Jahr sollten wir unseren Sohn abklären, wie gescheit er eigentlich sei. Er hatte den Stoff von 3 Jahren in einem knappen Jahr erarbeitet. Dieser Test ergab dann noch hochbegabt. Nur 0,7 % der Kinder schneiden in den Tests besser ab als Michael.
Man wollte ihn 1 Jahr zurückstufen, in eine Regelklasse geben, damit er die Chance bekommen würde, aufs Gymnasium zu gehen nach der 5. Klasse.
Jetzt streikte aber unser Sohn. Er wollte nicht schon wieder den Lehrer wechseln. Wir wussten auch, dass nach der Sonderschule der Übertritt in die Realschule (in Deutschland Hauptschule) problemlos klappen würde. Auch wussten wir, dass ein sehr guter Lehrer diese Klasse übernehmen würde und so ging unser Sohn nach 5 Jahren Primarschule in die Realschule wie alle andern Kinder auch. Das war schon ein Erfolg: aus der Sonderschule in die Realschule ohne ein Jahr Verlust.
Nach einem Jahr Realschule hätte er auf die Sekundarschule wechseln können, wollte er aber wieder nicht.
Er war wohl in der Klasse und beim Lehrer. Wir schenkten ihm wieder ein Jahr und er musste erst nach dem 7. Schuljahr wechseln. Dort hätte man ihm den Übertritt ins Gymnasium auch ermöglicht aber dieses Vertrauen hatten wir nicht. Nach 3 Monaten Sekundarschule redete man noch einmal vom Übertritt in das Gymnasium. Aber er wollte nicht.
Unterdessen ist unser Sohn 15 Jahre alt und entwickelt sich zu einem jungen Mann. Die Hausaufgaben erledigt er selbst. Er steht am Morgen selber auf und organisiert seine Arbeiten weitgehend selbst. Wir Eltern schauen zuversichtlich in die Zukunft. Seine ältere Schwester ist auf überdurchschnittlich begabt aber nicht hochbegabt, hat aber kein POS, geht aufs Gymnasium und bald für ein Jahr nach Kanada ins Austauschjahr. Die beiden verstehen sich sehr gut und mögen sich auch.
Die kleinere Schwester hat auch ein POS wurde über die EK eingeschultm nimmt seit 2 ½ Jahren Ritalin, ist aber hyperaktiv, sehr impulsiv und steht vor der Abklärung HB.
Der Vater nimmt Ritalin und ist seither seine Depressionen und seine Panikattacken los.
Am meisten Sorgen bereitet uns zur Zeit die kleine Schwester. Hier müssen bald Veränderungen greifen, bevor die Probleme der Pubertät hinzukommen. Sie lügt und wahrscheinlich stiehlt sie auch. Wir sind aber optimistisch, dass ein Verhaltenstraining, welches Ende April startet, den gewünschten Erfolg bringt.
Auch unsere älteste Tochter leidet doch immer wieder unter der Situation von 2 POS Geschwistern. Ich denke die Belastung für nicht betroffene Geschwister ist sehr groß, da die anderen sehr viel Aufmerksamkeit erfordern. Letztendlich haben wir aber 3 tolle Kinder und später werden sie alle ihr eigenes Leben führen.
Fernsehen ist bei uns übrigens unter der Woche tabu. Playstation und Gameboys exsistieren bei uns auch nicht. Ich glaube, das bringt viel Erleichterung in den Alltag.

Hier die Fortsetzung unseres Berichtes von Michael.

Die grosse Schwester ist nun in Kanada, und fühlt sich sehr wohl dort. Sie hatte großes Glück mit der Gastfamilie. Die Gasteltern sind bereits Großeltern und sie ist das einzige Kind dort. Offenbar ist sie in der Schule erstmals ein bißchen gefordert, konnte aber bereits eine Klasse springen und kann nun in Kanada graduieren. Sie hat dann anschließend einen kanadischen Schulabschuss. Die Schule hat ihr vorgeschlagen eine Arbeit zu schreiben, damit sie von einem College eingeladen würde, dies würde bedeuten, dass sie die Aufenthaltsbewilligung kriegen würde. Sie überlegt sich dies nun. Leistungswillige SchülerInnen können im kanadischen System viel schneller vorankommen. In der Schweiz hätte sie bis zum Abschluss des Studiums noch mind. 7 Jahre, in Kanada wäre sie wahrscheinlich innert 5 Jahren fertig.
Kanada schneidet in den Pisastudien neben Finnland sehr gut ab. In beiden Ländern funktioniert das System ähnlich. Die Kinder gehen ab 6 Jahren den ganzen Tag zur Schule. Ferien haben sie 2 Wochen über Weihnachten, 2 Wochen über Ostern und gut 2 Monate im Sommer. Jeder 2 Freitag ist schulfrei. Ab der 1. Klasse ist das System durchlässig. Es sind Gesamtschulen bis Ende 12 Klasse. Es gibt aber Kinder, die bereits nach 10 Jahren fertig sind und dann auch aufs College wechseln können.
Es gibt im Prinzip keine Noten, nur Rangprozente. Hausaufgaben erledigen gibt automatisch Punkte, die Hausaufgaben werden manchmal auch bewertet und selbst Kinder, die Prüfungsangst hätten, würden in diesem Schulsystem belohnt. Die 1. Prüfung, die wirklich zählt, ist nach 12 Jahren für den Übertritt ins College nötig. Bis dahin wird in erster Linie Anstand und Fleiß belohnt und der gute Wille, weniger die intellektuelle Leistung. Intelligente Kinder kommen automatisch in höhere Grades und sind dann einfach schneller durch die obligatorische Schulzeit und können früher die Prüfung für das College ablegen. So einfach scheint das zu sein.
Der Stundenplan ist auch stark strukturiert. Jeden Tag genau das selbe in genau der gleichen Reihenfolge, ist auch einfach sich zu orientieren.
Beim Eintritt in die Schule bekommt man ein Buch in die Hand gedrückt. Hier stehen zuerst auf 50 Seiten die Pflichten der Schule und der Lehrer. Auf den letzten 20 Seiten dann noch die Pflichten der Schüler. Vieles, das in Europa erlaubt ist, wäre in Kanada verboten und bedingt einen Schulausschluss, obwohl unsere Tochter eine öffentliche Schule besucht.
Rauchen und Alkohol auf dem Pausenplatz sowie in der Freizeit führt zu einem Verfahren und evtl. zum Ausschluss aus der Schule. Wenn ein Lehrer ein Kind beim Rauchen auch außerhalb der Schule erwischt, also auch an einem Samstag oder Sonntag, dann muss er das Kind bei der Polizei anzeigen und es wird automatisch ein Verfahren eröffnet. Austauschschüler werden inhaftiert und ausgeschafft.

Nun zu unserem Sohn. Unterdessen hat er die Prüfung für das Gymnasium gemacht. Er wurde nach dem 1. Teil noch zum 2. Teil aufgeboten, von ca. 400 Prüflingen war er der Einzige, obwohl wir gar nicht auf diese Prüfung gelernt hatten.
Als er aber realisierte, dass er 1 Jahr wiederholen müsste, brach er den zweiten Teil ab und sagte, das käme für ihn auf keinen Fall in Frage. Wir ermöglichten ihm dann noch den Besuch in einer Privatschule. Dort hätte er auf die gymnasiale Stufe wechseln können ohne ein Jahr zu repetieren. Nur in Mathematik hätte er eine Sonderförderung benötigt, um den Stoff aufzuarbeiten. Dies wollte er aber nicht.
Erstens möchte er lieber Ferienlager mit wenig bzw. keinen Hausaufgaben und zweitens seien dort die Kinder so abgelöscht und depressiv und dies sei ansteckend, und das halte er nicht aus 2 Jahre lang. Die zweite Begründung konnten wir akzeptieren, mit der ersten hatten wir etwas Mühe. Gerade seine Faulheit provoziert uns und führt zu riesigen Auseinandersetzungen.
Unterdessen weiß er auch was er später machen will. Er schließt jetzt die Schule ab, macht dann eine 2-jährige Lehre als Servicefachangestellter (Kellner) und möchte anschließend noch die Hotelfachschule absolvieren. Diese Laufbahn entspricht mit Sicherheit seinen Begabungen, aber eine Lehre als Servicefachangestellter mit lauter Hauptschülern und Sonderschülern in der Gewerbeschule entspricht schon nicht ganz seinem intellektuellen Niveau. Anschließend die Hotelfachschule dann schon eher wieder. Bloß schafft er nach 12 easy Schuljahren ohne Lernen zu müssen diesen Schritt? Na ja, warten wir ab.
Auf jeden Falle strotzt unser Sohnemann vor Selbstvertrauen und er ist in der Schule und im Ort beliebt, bekannt und ein Begriff. Sozial ist er hundertprozentig integriert und das ist auch schon eine Leistung.

Nun noch zu unserer jüngeren Tochter. Die Verhaltenstherapie hat tatsächlich viel gebracht. Sie ist überdurchschnittlich begabt, aber nicht hochbegabt. Ihre Probleme liegen aber zusätzlich noch im Wahrnehmungsbereich. Sie hat auditive Wahrnehmungsprobleme und eine sehr schlechte Gedächtnisleistung. Diese beiden Punkte sprechen zur Zeit auf jeden Fall gegen eine gymnasiale Schulstufe. Die Klassenlehrerin sagt aber, sie gehöre auf jeden Fall in die Sekundarschule (DE Realschule) und könne dann, wenn sie älter und reifer ist evtl. noch ins Gymnasium wechseln. In vielen entwickelt sie sich aber ähnlich wie ihr Bruder. Wahrscheinlich wird auch sie eher über eine Berufslehre gehen.

Stand Dezember 2002


Mai 2003:

Im Januar 2003 überschlagen sich die Ereignisse. Wir erfahren vom Klassenlehrer, dass unser Sohn im Fleiß ein 3-4 im Zeugnis hat, dies entspricht in Deutschland etwa einer 4. Nach Gesprächen mit dem Klassenlehrer war klar, dass unser Sohn nicht in dieser Schule bleiben konnte. In unserem Fall lag es nicht an den Lehrern, sondern ganz klar bei unserem Sohn bzw. bei der schulischen Umgebung. Die Lehrer gaben sich wirklich alle erdenkliche Mühe die Klasse zu motivieren. Aber alle waren gleich faul, und unser Sohnemann war lieber der "King" bei den Schülern als fleißig. Leistungsmäßig gehörte er zwar zu den Besten, aber bei einem knappen 4er Schnitt (Deutschland 3er Schnitt) ist dies ja in der Sekundarschule auch nicht sonderlich schwierig. Der Lehrer meinte, es seien noch einmal 1 ½ verlorene Jahre für unser Kind.
Innert 14 Tagen wurde er nun in eine Privatschule geschickt. Die Schule, in der er geschnuppert hatte, wollte er aber unter keinen Umständen besuchen. Er nimmt lieber einen längeren Schulweg auf sich, ca. 70 Minuten, und fährt nach Basel.
Über Ostern hat er noch eine Schnupperlehre als Kellner absolviert in einem der Spitzenhotels der Schweiz. Der Bericht der praktischen Arbeit war sehr gut. Aber das Tagebuch, welches geführt werden musste war nur unzureichend und ½ Tag musste er sich noch krank melden. Logischerweise bekam er die Lehrstelle nicht. Jetzt geschah aber Eigenartiges.
In der Schule gibt sich unser Sohn plötzlich Mühe und bringt gute bis sehr gute Noten nach Hause. Auf die Frage warum er denn plötzlich so ehrgeizig sei antwortete er: "Weißt du, hier lohnt sich gute Arbeit, man kann ja alle 3 Monate die Klasse wechseln, wenn man gute Noten hat. Die Lehrer sind auch gut und es macht viel mehr Freude."
Eines abends kam er niedergeschlagen nach Hause und fing plötzlich an zu weinen. Auf unsere Frage was denn passiert sei konnte er keine richtige Auskunft geben. Er wisse es ja selbst nicht recht, aber irgendwie sei er einfach furchtbar traurig. Er gehe jetzt ins Bett und morgen sei dann sicher alles wieder viel besser. Ich rief am nächsten Tag seinen Therapeuten an und dieser meinte dann, es sei klar, dass er traurig sei. Er habe sich in den letzten Jahren ein Kartenhaus aufgebaut, das jetzt zusammengebrochen sei. Irgendwie sei ihm bewusst geworden, was alles "falsch" gelaufen sei und jetzt habe er halt eine Art "Trauerarbeit" zu leisten. Offenbar hatte der Therapeut recht, denn es geht ihm eigentlich schon wieder viel besser.
Hoffentlich bleibt es so. Nach Aussage der Schule kann, bei gleichem Einsatz, (meiner Meinung nach immer noch das absolute Minimum) unser Sohn in 3 Jahren die "schweizerische Maturität" machen. So richtig glauben kann ich das zwar nicht. Er hätte dann im Verhältnis zur öffentlichen Schule (2 Jahre Ehrenrunde) 4 Jahre wett gemacht. Na ja, warten wir ab ...

Stand: 05. Juni 2003