Lena

Lena wurde als unser erstes Kind geboren. Sie hat früh sprechen gelernt. Auffallend war, dass sie von klein auf nur sehr selten grammatikalisch falsche Begriffe oder Satzwendungen benutzte. Sie verwendete häufig Redewendungen, die auf keinen Fall aus unserem täglichen Sprachgebrauch stammten. Außerdem nahm sie nie den Dialekt an, den wir sprechen, sondern sie sprach von Anfang an hochdeutsch.
Ansonsten fiel uns aber nichts Besonders auf, da Lena für uns ja der Standard war.
Im Kindergarten war sie unauffällig, da sie eine Kindergärtnerin hatte, die sehr gut auf Lenas individuelle Bedürfnisse eingehen konnte.
So wurde Lena erlaubt, da sie bereits mit 5 Jahren lesen und schreiben konnte, dass sie den anderen Kindern vorlesen durfte oder deren Bastelarbeiten beschriften. Da Lena als Juli-Geborene ein sogenanntes "Kann-Kind" war, ließen wir sie einschulen, gleich nach ihrem 6. Geburtstag.

Die erste Überraschung in der Schule erlebte ich am ersten Eltern-Sprechtag.
Die Lehrerin erzählte mir, dass Lena sich nicht im geringsten am Unterricht beteilige, dass sie nur zum Fenster hinausschaue und eigentlich genau so gut zu Hause bleiben könne. Das war für mich ein richtiger Schock, da Lena ein äußerst aufgeschlossenes Kind ist, das normalerweise den Mund nicht zubekommt.

Mit Beginn der zweiten Klasse bekamen wir dann ernsthafte Probleme, da Lena den Schulstoff nicht mehr oder nur noch teilweise mitschrieb. Das bedeutete für uns täglichen Horror.
Lena, die schon für die Hausaufgaben doppelt so lange wie ein anderes Kind brauchte, musste nun noch vorher den Schulstoff abschreiben. Am meisten Probleme machten die einfachsten Aufgaben.
Musste sie blöckeweise Aufgaben in drei Schritten rechnen, bei denen sie das Ergebnis auf den ersten Blick wusste, so konnte sie sich hierzu nur unter äußerster Anstrengung aufraffen.
Genauso in Deutsch: Texte abschreiben war ihr immer ein Greuel. Sobald ich mich dazu bereit erklärte ihr zu diktieren, war sie sofort Feuer und Flamme. Und sie machte deutlich weniger Fehler beim Diktieren als beim Abschreiben.

In meiner Not wandte ich mich an eine psychologische Beratungsstelle.
Von dort wurde ich zuerst zur schulpsychologischen Beratungsstelle, dann zur Uniklinik Tübingen geschickt, um Lena testen zu lassen. Lena hatte viel Freude an den Tests und das Ergebnis war dann auch sehr positiv. Lena ist eindeutig weit überdurchschnittlich bzw. hochbegabt. In Tübingen erwähnte man noch, dass sie auch etwas Konzentrationsprobleme habe, die man aber mit Hausaufgaben-Belohnungs-Plänen in den Griff bekommen könne.
Parallel dazu hatte auch die Schule reagiert. An einem Freitagnachmittag fragte mich die Lehrerin, ob ich damit einverstanden wäre, wenn sie Lena ab Montag probeweise für 1-2 Wochen in die 3. Klasse versetzen würden. Uns war nicht sehr wohl zumute, da Lena ja bereits in ihrer jetzigen Klasse die Jüngste war, und emotional eher unstabiler als ihre Klassenkameraden. Aber wir stimmten zu.
Nach 1,5 Wochen rief uns der Rektor, der die Klasse leitete, zu sich und erklärte uns, dass Lena fachlich ganz überraschend gut mitgekommen wäre, er aber trotzdem empfehle, sie in ihrer momentanen Klasse zu behalten, da sie einfach noch Probleme mit der Motorik und der Schreibgeschwindigkeit hätte. Wir waren eher erleichtert und einverstanden.

Nach einem Jahr, in dem unser Problem des Nicht-Mitschreibens in der Schule nicht besser wurde, hatte ich das Gefühl, dass die Hochbegabung allein für die Schwierigkeiten, die Lena hatte, als Erklärung nicht ausreichte. Es gab viele andere Punkte, die stark auf ADS hinwiesen.
Nach einer langen und fachmännisch fundierten Testreihe hatten wir dann auch die Diagnose. Lena hat hochgradig ADS, was wir in diesem Ausmaß nicht vermutet hätten.

Nun geht sie seit September letzten Jahres zur Verhaltens-Therapie. Wir haben das Gefühl, sie fühlt sich dort sehr wohl, und wir kommen langsam voran. Zumindest im schulischen Bereich konnte Lena so gute Noten vorweisen, dass sie mit Leichtigkeit die Gymnasial-Empfehlung bekam, und sie jetzt im Sommer auf dem G8 anfangen kann. Mit ihrer extremen Emotionalität haben wir noch zu kämpfen, aber wir sind alle noch lernfähig.

Natürlich hoffen wir, dass die neue Schule für Lena eine Erleichterung bringt (getreu nach Lenas Leitsatz: Schwieriger ist leichter!).
Allerdings können wir nicht abschätzen, inwiefern ihr das ADS einen Strich durch die Rechnung macht, wenn all die neuen Eindrücke auf sie zukommen werden. Aber wir sehen es im Moment wie Lena: wir freuen uns darauf.

Stand: 01. Mai 2002