Kai

Unser Sohn wurde im Dezember 1991 geboren.
Er hat zwei Schwestern (zweieiige Zwillinge), die zwei Jahre später zur Welt kamen.

Seine Entwicklung im Kleinkindalter verlief normal. Er sprach ab dem 24 Lebensmonat in Haupt- und Nebensätzen und hatte einen auffallend großen Wortschatz. Sein Hauptinteresse galt (und gilt)der Naturkunde und er saugt Informationen darüber auf wie Schwamm.
Seine Gedächtnis ist verblüffend , wenn ihn etwas interessiert.

Erste Auffälligkeiten im Kindergarten mit vier Jahren. Es wurde eine motorische Retardierung festgestellt (Schwierigkeit beim Hüpfen auf einem Bein, Probleme bei der Auge-Hand Koordination). Außerdem weigerte er sich zunehmend Spiele in der Gruppe mitzumachen (Sitzkreis u.ä.)

Bei der U9 verweigerte er die Mitarbeit mit der Begründung er könne das alles nicht. Unser Kinderarzt vermutete eine mögliche Hochbegabung in Verbindung mit einer niedrigen Frustrationsschwelle und überwies uns an das Sozialpädiatrische Zentrum.
Ein beabsichtigter IQ-Test schlug fehl, da er die Mitarbeit mehrmals verweigerte. Bestätigt wurde nur die sprachliche Reife. Ein Ergebnis wurde uns nicht mitgeteilt.

Aufgrund der motorischen Schwierigkeiten nahm er vom 5. bis zum 7. Lebensjahr in einer psychomotorischen Turngruppe teil. Hier fiel das erstemal auf, wie geschickt er sich unangenehmen Aufgaben entziehen kann, um sich vor Misserfolgen zu schützen.

Zu Hause war - und ist - er sehr verträumt. Er brauchte manchmal Stunden um sich anzuziehen und die Zähne zu putzen.

Freunde hatte er immer viele, sowohl ältere als auch jüngere Kinder und er spielt (immer noch) gerne mit Mädchen.

Im August 1998 wurde Kai mit 6 Jahren, 8 Monaten eingeschult. Da er auch beim Schuleignungstest einige Aufgaben verweigert hatte, riet uns die untersuchende Ärztin, ihn ein Jahr zurückzustellen, was wir ablehnten.

- Schulsituation -

Kai ging die ersten 6 Wochen gerne und voller Freude in die Schule.
Lesen, schreiben und rechnen lernte er lt. seiner Lehrerin "so nebenher" Danach kam er immer häufiger nach Hause und hatte Arbeitsblätter nicht fertig bearbeitet oder Sachen von der Tafel nicht vollständig abgeschrieben.
Für die Hausaufgaben brauchte er immer länger, er sah aus dem Fenster, träumte und machte nichts mehr, sobald ich den Raum verließ.
Ausserdem machte er sich in der Schule durch große Unordnung auf seinem Pult bei seinen Mitschülern unbeliebt - es wollte keiner mehr neben ihm sitzen. Seine Lehrerin gab ihm daraufhin einen Platz alleine in einer Ecke der Klasse. Dort saß er dann, las den ganzen Vormittag in den Büchern die da standen und machte gar nichts mehr.

Zu diesem Zeitpunkt zogen wir den Schulpsychologen hinzu, der einen erneuten IQ Test vorschlug. Diesmal arbeitete Kai gut mit und der Test ergab eine eindeutige Hochbegabung.
In einem weiterem Test ergab sich eine ausgeprägte Schulunlust, die er auch zu hause deutlich äußerte.

Daraufhin angesprochen meinte seine Lehrerin, sie würde ihm gerne Zusatzaufgaben geben, wenn er seine "normalen" Aufgaben im Unterricht erledigt hätte. Da er nichts täte, könne sie ihn auch nicht fördern, ohne andere fleißige Schüler zu benachteiligen.

Im Frühjahr 2000 bat er uns weinend irgendetwas zu unternehmen, damit er nicht mehr "dahin" (in die Schule) müsse. Er fing an, an der Nagelhaut zu kauen, schlief schlecht und hatte Alpträume.

Bei einer Mathearbeit saß er die ganze Zeit nur da, "riss" sich buchstäblich die Haare aus und löste keine einzige Aufgabe.
Am nächsten Tag kam er nach Hause und hatte sich auf beide Arme mit dem Füller lange Streifen gemalt - was ihm anschließend peinlich war. Seine Begründung: "Ich war wütend auf mich selber, ich werde immer dümmer und kann mich überhaupt nicht mehr konzentrieren."

Wir baten um Versetzung in eine Parallelklasse, da seine Lehrerin sich trotz Gesprächen mit uns und dem Schulpsychologen nicht in der Lage sah, ihn zu fördern.
Die Schulleitung schlug eine Versetzung von der zweiten in die dritte Klasse 4 Wochen vor Ferienbeginn vor.
Unser Sohn war von der Idee sehr begeistert und ging bis zu den Ferien sehr gerne in die neue Klasse. Er arbeitete auch besser mit, schaffte es aber nicht alle Arbeiten in derselben Zeit zu beenden wie seine Mitschüler.

Seine neue Lehrerin hatte starke Bedenken gegen das "Überspringen" von Klassen und gab uns zu verstehen, das sie bei unserem Sohn keine Chance auf Erfolg sah. Sie sagte uns, IQ sei nicht alles, um reif für die 4. Klasse zu sein brauche ein Kind die richtige Arbeitshaltung und viel Motivation und beides sei bei ihm nicht vorhanden.

Inzwischen (Oktober 2000 ) ist die Situation schlimmer als je zuvor.
WENN er in der Schule etwas zu Papier bringt, ist es kaum leserlich und ist voller Rechtschreibfehlern.
Oft "tritt" er völlig weg und bekommt gar nichts mit. Die Kinder hänseln ihn, wegen seiner Träumerei und weil er so anders ist. Selbst in seinem Lieblingsfach Sachkunde zeigt er keine Leistung.

Er selber möchte wieder zurück in die dritte Klasse. Da er die geforderte Leistung nicht erbringt, wird er wohl auch zurückversetzt.

Der Schulpsychologe ist genauso ratlos wie wir, was mit diesem Kind nicht stimmt. Auf sein Anraten waren wir bei einer Kinderpsychologin, die ADS ohne Hyperaktivität diagnostizierte und uns riet, ihn mit Ritalin zu behandeln .

Damit habe ich jedoch große Probleme.


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Das war die Situation im Oktober 2000.

Nachdem die Psychologin uns zur Behandlung mit Ritalin geraten hatte, versuchte ich einen Termin bei einem anderen Psychologen zu bekommen, um eine 2. Meinung einzuholen. Es scheiterte an den langen Wartezeiten ( 1 Jahr, bis dahin wäre das Kind kaputt gewesen).

Wir hatten auch Kontakt zum Begabten-Zentrum in Münster, die unter anderen auch obigen Bericht erhielt und zu mir sagte, ADS könne es nicht sein (sie hat das Kind nie gesehen) und hochbegabte Kinder bräuchten kein Ritalin.

Ich besorgte mir das ADS Buch und fand viel eher eine der Zwillinge dort beschrieben als ihn. Ich kaufte noch mehr Bücher über ADS und fand dann auch Parallelen.

Meine Nerven wurden immer "dünner" es gab fast jeden Nachmittag Tränen bei den Hausaufgaben und "Ausraster" meinerseits, in denen ich mein armes Kind anbrüllte und hinterher selber heulte, weil ich es furchtbar fand , dass ich ihn anschrie.

Ich lag jede Nacht wach und grübelte darüber nach, was ich in der Erziehung wohl falsch gemacht hätte, oder was ich ändern könnte.

Aus der Schule häuften sich die Meldungen über totale Passivität. Er machte nichts mehr, saß im Unterricht mit dem Kopf auf den Armen am Tisch (einmal ist er dabei eingeschlafen ).

Mein Mann machte einen Termin mit unserem Kinderarzt aus und sprach mit ihm sehr lange über ADS und unsere Situation. Als er danach nach Hause kam, trafen wir die Entscheidung es mit Ritalin zu probieren - es musste etwas geschehen und wir hatten immer noch keinen Termin bei einem Psychologen.

Ich muss gestehen, ich setzte damals keine große Hoffnungen auf das Medikament.
Wir begannen mit einer viertel Tablette morgens vor dem Unterricht; der Schulpsychologe wusste davon, seine Lehrerin nicht.

Blöderweise war in der Woche, in der wir mit der Behanldung begannen, auch große Zusammenkunft (Direktorin , Schulpsychologe, "alte" Lehrerin, "neue" Lehrerin und wir), um über den Verbleib in der 4. Klasse zu entscheiden.

Der Schulpsychologe war dafür , dass er in dieser Klasse blieb und seine Lehrerin berichtete auch über Verbesserungen , aber behalten wollte sie ihn nicht.
Wörtlich "Wenn sie UNBEDINGT wollen , behalte ich ihn in der Klasse, aber ich kann ihm keine Empfehlung fürs Gymnasium geben - noch nicht mal für die Realschule."
Als ich sie leicht giftig fragte, ob sie ihn denn auf die Hauptschule schicken wolle, meinte sie "nein - das nicht, aber er soll die 4.Klasse wiederholen."

Daraufhin beschlossen wir, dass es vielleicht dann doch sinnvoller wäre, dass er das 2. Halbjahr 3.Klasse macht - das "fehlte" ihm ja auch.

Der Wechsel zurück (Dezember 2000) war erstaunlich unproblematisch - vielleicht weil er es selbst wollte. Bis auf einen Jungen (der ihn heute noch piesackt) nahm die Klasse ihn nett wieder auf.

Das Ritalin hatte einen absolut durchschlagenden Erfolg - schon in der 2. Woche kamen lobende Berichte aus der (jetzt wieder) 3. Klasse und als nach den Weihnachtsferien die ersten Arbeiten geschrieben wurden , brachte er nur 1er und 2 er nach Hause.

Sein Zeugnis letztes Jahr würde ich mir am liebsten rahmen, vor allem wegen der Bemerkungen:
Er folgt dem Unterricht konzentriert und aufmerksam.---
Schriftlich arbeitet er selbstständig und zügig ---
Sein Arbeitsplatz ist immer (!) aufgeräumt und er hat sein Arbeitsmaterial immer (!) parat, ---
Meistens ist er vorzeitig mit seiner Arbeit fertig ---

Hach, welche Wonne.

Er selber findet die Schule mittelprächtig langweilig, aber er kann es aushalten. Da man ihn mit Zusatzaufgaben nicht locken kann, darf er lesen, wenn er mit seinen Aufgaben da fertig ist.

Nach Ostern haben wir die Dosis reduziert , auch das klappt gut. Lt. Lehrerin schwätzt er zwar jetzt mehr im Unterricht, aber er ist noch bei der Sache.

Stand: 03.05.2002