Jonathan

Tagebuch und Einsichten einer Mutter, deren Sohn ein HB-chen und ADS-Kind ist

1. Sept 2001, der große Tag ist da, die Einschulung, der unser Sohn so entgegengefiebert hat ...
Die Feier in der kleinen Privatschule ist sehr schön, die Lehrerin ist ein Schatz ... sie drückt jedes Kind, stellt sich ihnen vor ... mein Sohn kommt zusammen mit seinem besten Freund und seiner Freundin in die Schule ... vertraute Gesichter für ihn, er fühlt sich wohl ...

4 Wochen später erster Elternsprechtag:
Keine Probleme: unser Kind ist sehr intelligent, lernt schnell kann bereits lesen und schreiben...
Seine Arbeitsweise ist etwas langsam und manchmal träumt er... gelegentlich flippt er etwas aus, wenn Dinge nicht gleich funktionieren (naja, das ist sein Temperament, so war er schon immer...)

10. Oktober: Abschied von der Schule...
Die Lehrerin weint, seine Freundin weint, die ganze Klasse weint ... Er bekommt viele Geschenke ... er weint auch ... mir zerreißt es fast das Herz ... aber der Umzug muß sein ... in der alten Stadt können wir finanziell nicht überleben ...
Unser Kind war immer sehr kontaktfreudig, er wird keine Probleme haben neue Freunde zu finden (auch die Lehrerin denkt dies ...)

15. Oktober: Der erste Tag in der neuen Schule:
Ich lerne seine Lehrerin kennen, eine sehr strenge distanzierte Person ... ich denke spontan bei mir: das könnte Probleme mit meinem sensiblen Kind geben ...
Jede Woche frage ich wie es meinem Kind geht ... er müsse sich noch eingewöhnen, aber das würde schon werden ist die Antwort ...

Mitte November erster Elternsprechtag:
Mein Mann kommt mit ... unser Kind ist zweifellos intelligent, lernt leicht ... aber er stört die anderen, ist verträumt, impulsiv, rastet schnell aus, findet kaum Anschluss ...
Die Lehrerin deutet vorsichtig an, daß er ADS haben könnte ... bietet uns an eine Psychologin hinzuzuziehen ...
ADS - mein Kind: unmöglich, das kann nicht sein!
Mein Kind ist unterfordert und deshalb unaufmerksam ...
Die Psychologin kennt die Lehrerin sehr gut ... das mißfällt uns ... wir bemühen uns um einen eigenen Termin im Januar bei einem anderen Psychologen...
Bis zu den Weihnachtsferien zieht sich die Zeit so hin ... mein Kind will nicht mehr gerne zur Schule ... er macht langsam dicht, erzählt nichts mehr von der Schule ...
In den Ferien ist mein Kind wie ausgewechselt, und die erste Woche nach den Ferien läuft prima ... die Lehrerin ist begeistert, unser Kind ist viel ruhiger und ausgeglichenr... doch in der 2 woche fängt das Problem wieder an ...

14. Januar 2002 der Termin beim Psychologen:
Mein Kind ist kooperativ, macht den Intelligenztest mit Begeisterung mit ... der Psychologe schickt mich in die Stadt, nachdem er mich vor dem Test genau zu Entwicklung und Verhalten meines Kindes befragt hat.
Er hat auch einen Bogen der Lehrerin bekommen und vergleicht ... wir scheinen von 2 verschiedenen Kindern zu sprechen ...

28. Januar 2002: die Ergebnisse sind da:
IQ 139, etwas unruhig, aber der Psychologe schiebt es auf die neue Situation, Umzug, Schulwechsel usw. ...
Sein Verhalten in der Schule deutet auf Unterforderung hin ... Wir sollen aber auf jeden Fall ADS beim spezialisierten KIA abklären lassen (den Termin haben wir schon ausgemacht).

30. Januar, der Arzttermin ...
Ich sage bewußt nichts von dem Intelligenztest und dem Psychologen ... EEG ohne Befund ...Tests unauffällig ...mein Kind ist gut drauf, konzentriert sich und macht prima mit ...der Arzt schlägt vor einen Intelligenztest zu machen ... ich gebe ihm die Ergebnisse des Psychologen ... auch er vermutet Unterforderung, sagt aber, sollte es weiterhin Probleme geben, dann müßten wir noch weitere Test machen ...
Er schließt ADS nicht 100% aus, aber weitestgehend ...
Das ist genau das, was ich hören wollte ... mein Kind hat kein ADS...
(Das war das, was ich verstehen wollte, obwohl keiner es komplett ausgeschlossen hat).

Anfang Februar: Gespräch mit der Lehrerin ...
Vom hohen IQ meines Kindes ist nichts zu bemerken, er verweigert im Unterricht, an schwerere Aufgaben ist bei dieser Arbeitshaltung nicht zu denken ...
Die Lehrerin schlägt vor abzuwarten, es können immer noch Startprobleme sein ...
Mein Kind fängt an komplett zu verweigern auch mir gegenüber ... ich darf ihn fast nicht mehr umarmen, er wird immer stiller, erzählt gar nichts mehr, nur Papa gegenüber manchmal, wenn sie alleine sind, wie unglücklich er ist, weil er keine Freunde hat und seine Freundin ihm so sehr fehlt ...
Und eines Morgens übergibt er sich zum ersten mal, als ich sage, wir gehen jetzt zur Schule ...

Dann kommt das Zwischenzeugnis: Fachlich ist alles o.k., aber das Verhalten meines Kindes wird immer schlimmer ...
Er prügelt sich, brüllt herum, verweigert jegliche Leistung, explodiert bei jeder Kleinigkeit, spielt im Unterricht und kann sich überhaupt nicht mehr konzentrieren ...
Die Lehrerin spricht wieder von ADS ... ADS??
Inzwischen haben wir einige Bücher darüber gelesen und einige Parallellen gefunden, aber dieselben Symptome treten doch auch bei Unterforderung auf ...
Mein Kind ADS??? Niemals! Und Ritalin, dieses Hammermedikament, bekommt mein Sohn sowieso niemals, das braucht er nicht!!
Der Arzt und der Psychologe haben doch gesagt ... ja, was? Es könnte Unterforderung sein ... aber ADS ist nicht ganz auszuschließen ...
Das hatte ich erfolgreich verdrängt, wollte nur hören was mir gefiel...

Mein Sohn wird krank, eine Erkältung ...
Wir gehen zu unserem Kinderarzt, der alle Befunde vorliegen hat und die ganze Sache mitbekommen hat ...
Mein Kind flippt total aus im Wartezimmer ... pöbelt, schlägt andere, ist nicht zu bremsen, gar nicht ansprechbar...
Der Arzt beobachtet ihn ... das Zwischenzeugnis liest er aufmerksam durch, macht sich Notizen ...
Und dann kommt der ungeheuerliche Vorschlag ... doch mal mit Ritalin zu behandeln, nur für 2 Wochen um zu sehen, ob sich etwas bessert.
Ritalin, mein Kind ... nein, das kann ich nicht zulassen ...NIEMALS, mein Kind hat doch kein ADS!! ... so mein erster Impuls ...
Aber mein Kind leidet ... was haben wir noch zu verlieren?

Nach endlosen Diskussionen steht die Entscheidung .... mein Kind soll nur für 2 Wochen Ritalin bekommen ... nach 2 Stunden im Sprechzimmer des Arztes gehe ich mit dem Rezept in der Hand zur Apotheke ... und bin total gespalten...

Abends spreche ich mit meinem Mann darüber ... er meint, wir versuchen es ...
Am nächsten Tag die erste Dosis ... Ein Wunder geschieht ... mein Kind ist wie verwandelt ... ruhig, ansprechbar ... er spielt harmonisch mit seiner Schwester...

Die erste Schulwoche mit Ritalin bringt den Durchbruch ...
Mein Kind ist ruhig, kann zeigen was es draufhat ... die Lehrerin ist begeistert und kooperativ, gibt ihm die 2. Dosis im Unterricht ... und der Dialog kommt in Gang ...
Mein Kind wird zum ersten mal gelobt ... mein Kind wird eingeladen zum Geburtstag, hat plötzlich Freunde...
Meine Zweifel, ob ich das richtige tue schwinden ...
Ich merke, ich tue es ... und ich werde mich davon nicht abbringen lassen, egal was kommt ...

Nun bekommt der Zwerg Ritalin seit 3 Wochen und ich habe mein glückliches, fröhliches Kind wieder zurück ...

Ich denke die Probleme wären auch in der alten Schule gekommen, nur später....


Update (04/2002- 01/2003) Frühjahr 2002:

Unserem Sohn geht es immer besser in der Schule, waren bisher in jeder Lernzielkontrolle 4-5 Fehler oder absolute Verweigerung die Regel, kommt er jetzt nur noch mit 0-Fehler-Arbeiten nach Hause...auch sonst findet er in der Klasse Anschluss, hat viele Freunde ...
Die Lehrerin ist zunächst begeistert und zufrieden ... Unser Sohn bekommt ½ Tablette Ritalin vor dem Frühstück, ½ nach 3 Stunden im Unterricht und ½ Nachmittags, und wir kommen damit gut über den Tag ... Die Hausaufgaben erledigt er komplett alleine, und eigentlich bräuchte ich sie nicht einmal mehr zu kontrollieren ... es werden keine Fehler mehr gemacht ...

Ende Juli 2002:
Wir müssen zum Kinderarzt zur Kontrolle, und wieder einmal ein neues Rezept holen ... Nach 2 Minuten im Sprechzimmer sind wir wieder draußen, ich fühle mich recht kurz abgefertigt ...
Zu meinem Erstaunen bekomme ich an der Rezeption ein Rezept für Medikinet, nicht für Ritalin ... Auf meine Frage, warum jetzt ein anderes Mittel verschrieben wird, wo wir doch mit Ritalin so gut klarkommen, bekomme ich die Auskunft: der Wirkstoff ist genau derselbe, nur das Medikinet ist etwas günstiger ... Ich gebe mich damit zufrieden und gehe das Medikament in der Apotheke bestellen ...

August 2002:
D
er Zwerg hat eine großartige Beurteilung nach Hause gebracht, in allen Punkten über dem Durchschnitt und ein
super Sozialverhalten ... Unser Urlaub beginnt und gleichzeitig sind die letzten Reserven an Ritalin aufgebraucht und wir beginnen die Medikinetpackung ...
Die ersten Urlaubstage sind anstrengend, der Große außer Rand und Band ... wir schieben es zunächst auf die neue Umgebung und die vielen Eindrücke ... obwohl, sonst war er auch in solchen Situationen ruhiger ... irgend etwas stimmt da nicht, sagt mir mein Bauchgefühl !!
Ich beobachte ihn genauer, fange an wieder genauer aufzuschreiben, wann er Medikinet bekommt, und wie er sich verhält ... nach 3 Tagen bin ich erstaunt: Mein Kind kann sich zwar gut konzentrieren, ist aber ansonsten unglaublich aggressiv und impulsiv, wenn die Wirkung weg ist, ist er gar nicht mehr zu bändigen, tritt und schlägt nach uns (das tat er früher nicht einmal ohne Medikamente), wenn ich die doppelte Dosis gebe, ist er zwar kurzfristig ruhig, aber der Rebound danach umso heftiger ... ganz anders als mit Ritalin ... aber das bilde ich mir sicher ein, der Wirkstoff ist doch gleich ...
Nach 5 Tagen sind wir so weit, daß wir das Medikinet komplett absetzen, weil wir den Eindruck haben, es wirkt nicht ... unser Kind ist ohne Medikinet zwar unkonzentrierter, aber wesentlich weniger aggressiv .

... Mitte August 2002:
Der Urlaub ist vorbei und ich kontaktiere den Kinderarzt, um ihm meine Beobachtung mitzuteilen ... ich werde gelinde gesagt für verrückt erklärt, das könne gar nicht sein, daß Medikinet anders wirkt ... ich habe mich aber vorher bereits kundig gemacht und weiß von einer Apothekerin, daß derselbe Wirkstoff in Kombination mit einem anderen Trägerstoff bei empfindlichen Menschen anders wirken kann ... Doch mein Kinderarzt läßt keine Argumente zu, er könne Ritalin nicht mehr verordnen, sonst bekäme er Probleme mit der KK ...
In meiner Verzweiflung rufe ich den Arzt an, der das ADS bei unserem Sohn genauer diagnostiziert hat, auf Überweisung unseres Kia ...
Er hört zu, nimmt sich viel Zeit und meint, er hätte in seiner Praxis zwar noch nie erlebt, daß ein Kind anders auf Medikinet reagiert als auf Ritalin, aber er könne sich das durchaus vorstellen ... ich soll noch am selben Tag vorbeikommen ...
Nachmittags packe ich mein Kind ein, und gehe in die Praxis... der Arzt sieht sich den Großen an und meint, wir sollten nochmal Ritalin nehmen, und zwar abwechselnd mit Medikinet (1 Tag Ritalin, 1 Tag Medikinet) .. und ich werde gebeten, genau Tagebuch zu führen ...
Wvon diesem Tag an haben wir einen neuen Kinderarzt ...
Schon der erste Tag mit Ritalin bringt den Durchbruch, der Unterschied ist dermaßen auffällig, daß ich in Rücksprache mit dem Doc auf den Medikinetversuch verzichte ...

Mitte September 2002:
Die Schule beginnt wieder. Nach ein paar Tagen merke ich, daß mein Kind aus der Schule zurückkommt und seine zweite Dosis Ritalin nicht bekommen hat ... zunächst dachte ich, sie sei einfach vergessen worden, aber jeden Tag? Ich spreche mit der Lehrerin, und erfahre, daß sie mit einem Bekannten (Arzt) geredet hat, der Ritalingabe für ein "Verbrechen" hält ... außerdem bräuchte das Kind die zweite Dosis nicht, da er bis zum Unterrichtsende ruhig sei ...
Daß er, wenn er nach Hause kommt total von der Rolle ist und die doppelte Dosis Ritalin von vorher bekommen muß um sich wieder zu fangen glaubt sie schlichtweg nicht ... sie verspricht zwar, die Tablette zu geben, "vergisst" es aber permanent ...
Im Laufe der nächsten 2 Wochen muß ich die Dosis von 20 mg/Tag auf 40 mg/ Tag steigern, damit die Hausaufgaben überhaupt noch gemacht werden ...
Ich rufe bei meinem Kia an, und schildere das Problem ... er rät auf Ritalin SR umzustellen für den Vormittag, und kommt zusätzlich meiner Bitte nach einem Rezept für Verhaltenstherapie nach, obwohl er von dem, wie er das Kind erlebt dies nicht unbedingt für nötig hält ... er meint, daß ich als Mutter, die jeden Tag mit dem Kind zusammen ist, das sicher besser einschätzen könne als er ....

Anfang Oktober 2002:
Dank Ritalin SR braucht unser Sohn nur noch 30 mg Methylphenidat pro Tag einzunehmen, die Lage entspannt sich. Wir beginnen parallell mit Verhaltenstherapie für das Kind und Elterntraining für uns ...
Durch gewisse Strategien, die wir Eltern lernen im Umgang mit unserem Kind, wird der Alltag immer angenehmer ...
Der Große spricht gut an auf die noch geregelteren Tagesabläufe und auf die Punktepläne
... Der Kampf ums Anziehen am Morgen ist vorbei ...
Durch die Verhaltenstherapie lernt er allmählich sich besser zu beherrschen, und richtig zu reagieren in brenzligen Situationen ... statt die Schwester zu verhauen, wenn sie nervt, sagt er du nervst und geht in sein Zimmer auf sein Hochbett (seinen Adlerhorst, sein Ruhepol).

Der November vergeht ohne größere Probleme ... nur auf dem Elternsprechtag macht mich die Lehrerin darauf aufmerksam, daß der Zwerg zu ruhig sei, nahezu apathisch, ob er überdosiert sei ... da er am Wochenendee ebenfalls Ritalin bekommt, eben um uns die Möglichkeit zu geben, ihn genau zu beobachten, und uns noch nicht aufgefallen ist, daß er apathisch wäre, nehmen wir die Aussage nicht so übermäßig tragisch, kennen wir doch ihre Vorbehalte gegen Ritalin ... nach einigen Wochen VT und Elterntraining können wir das Ritalin auf 25 mg Wirkstoff / Tag reduzieren.

Dezember 2002:
Die Lehrerin kommt morgens auf mich zu, und macht mir den überraschenden Vorschlag, den Zwerg zum Halbjahr springen zu lassen ... er sei inzwischen absolut unterfordert in der 2. Klasse ... Der Rektor befürwortet das Ganze ebenso ...
Ich bin völlig perplex, hätte ich doch nicht im Traum daran gedacht, mein Hibbelkind könne eine Klasse überspringen ... Auf Anraten der Lehrerin stellen wir den Antrag auf Versetzung in die Dritte Klasse ...

Januar 2003:
Der Schulpsychologe stimmt dem Antrag zu, und ist für ein sofortiges Springen. Doch in Absprache mit der Schulleitung einigen wir uns, daß unser Kind ab Anfang Februar in die dritte Klasse schnuppern darf (wir wissen ja, wie schwer ihm abrupte Veränderungen fallen) und dann nach dem Zeugnis springen wird mit 2 Monaten Probezeit, und alles nur, wenn er das auch will ...

Wir sind gespannt, wie es nun weitergehen wird...


Update Dezember 2003:

Februar 2003:
Wir stellen unseren Großen auf Anraten der Arztes auf Concerta um. Durch das neue Medikament isst er wieder mehr, und er ist vor allem nicht soo ruhig, wie bei Ritalin SR. Außerdem wirkt das Medikament etwa 12 Stunden.

Ostern 2003:
Nachdem unser Sohn jetzt ein paar Wochen in die Dritten Klassen geschnuppert hat ist die Entscheidung gefallen. Zuerst wollte er nicht springen, da er mit der Klassenlehrerin der einen Klasse, in die er geschnuppert hatte nicht so gut klar kam. Aber als er dann noch in die andere Klasse geschnuppert hatte, und sich dort sehr wohl fühlte, auch von den Kindern sofort akzeptiert war ist er nach den Ferien auf eigenen Wunsch in diese Klasse gesprungen.

Ende Mai 2003:
Der erste Elternsprechtag mit den neuen Lehrern: Jonathan hat sich gut eingegliedert in den Klassenverband, er ist akzeptiert. Er hat noch einige Lücken, kommt aber im großen und ganzen gut mit, und hat vor allem in Mathematik alles aufgeholt. In Deutsch hapert es noch ein wenig und auch mit dem Schreibtempo hat er noch Probleme. Aber die Lehrer berücksichtigen dies, so weit es möglich ist. Der Grundtenor bei allen Lehrern ist, daß der Sprung die einzig richtige Entscheidung war.

Auch unser Kind ist ganz anders drauf, viel gelöster und fröhlicher. Man merkt, daß ihm der Druck fehlt, den er bei seiner alten Lehrerin täglich zu spüren bekam. z.B. wenn er einen Satz nicht auf Anhieb ohne hängenzubleiben sagen konnte..

Juni 2003:
Joni kommt ein wenig frustriert mit einer 3 in der Matheprobe nach Hause. Er hat keine Fehler, ist aber nicht fertig geworden in der vorgegebene Zeit. Er beobachtet genau unsere Reaktion und ist sichtlich erleichtert, als er gelobt wird, weil ihm ja schließlich ein ganzes Jahr Stoff und Übung fehlt.

Juli 2003:
Wir ziehen um, ein wenig an den Stadtrand und werden vermutlich unseren Sohn das letzte Grundschuljahr mit Gastschulantrag an der alten Schule lassen. Seine kleine Schwester wird für die erste Klasse an der neuen Schule angemeldet.

Ende Juli 2003:
Unsere Kinder waren mit uns in der neuen Schule, um Judith anzumelden. In der Schule herrscht eine völlig andere Atmosphäre wie in der alten Grundschule unsere Sohnes. Es ist dort viel ruhiger, viel heller und freundlicher. Auch die Lehrer sind im Schnitt alle jünger als an der alten Schule, bis auf wenige Ausnahmen. Was mir besonders aufgefallen ist, ist der liebevolle Umgang der Lehrer mit den Kindern, und der Respekt, den die Kinder ihren Lehrern entgegenbringen.

Es ist eine Dorfschule, das Arbeitstempo ist wesentlich höher als in der Stadt, da der Ausländeranteil gerade mal bei 1% liegt (in Jonathans alter Schule 65%) Auf dem Heimweg meint Jonathan zu mir: "Mama, diese Schule ist so toll, ich möchte lieber dahin gehen, aber dann nochmal in die dritte Klasse.."

Am nächsten Morgen rufe ich den Rektor der neuen Schule an und frage nach, ob das im Prinzip möglich wäre, da unser Sohn ja die dritte Klasse mit einem Schnitt von 2,3 bereits geschafft hat..
Wir unterhalten uns am nächsten Tag noch einmal persönlich über die Sache. Da unser Kind ja zur Hochbegabung ADHS hat und der Umzug und Schulwechsel mit neuen Lehrern alleine schon eine große Umstellung wäre, ist der Rektor einverstanden, Jonathan noch einmal die dritte Klasse freiwillig wiederholen zu lassen. Er meinte es wäre wichtig, daß das Kind die Entscheidung mittreffen darf..

Außerdem sind die beiden vierten Klassen im kommenden Schuljahr sehr starke Jahrgänge, es sind jeweils über 30 Kinder, während die dritten Klassen je 22 Kinder haben werden. Ein weiterer Punkt ist, daß Joni noch mehr nachholen müßte, weil die kommenden vierten Klassen Ende der Dritten bereits mit einem Teil des Stoffs der vierten Klasse angefangen haben.

August 2003:
Die Entscheidung ist gefallen: Jonathan ist in der neuen Schule angemeldet, vorerst für die dritte Klasse. Sollte er sich zu sehr langweilen, kann er problemlos wieder in die vierte Klasse wechseln.

9. September 2003:
Der erste Schultag für unsere Tochter, der erste Schultag für unseren Sohn in der neuen Schule. Beide Kinder sind begeistert von ihren Lehrern und von der Schule.

Das Arbeitstempo in der neuen Schule ist wesentlich höher, als in der alten Schule, was beiden Kindern sehr entgegenkommt.

Im Laufe der kommenden Wochen entspannt sich Jonathan immer mehr, und mit ihm die ganze Familiensituation...

17. November 2003:
Erster Elternsprechtag in der Schule.
Die Klassenleiterin unseres Sohnes ist absolut zufrieden mit ihm. Er ist der Klassenbeste, zusammen mit noch einem Jungen, der inzwischen sein bester Freund ist. Vom ADS ist keine Spur zu bemerken, es wäre ihr absolut nicht aufgefallen, wenn es nicht in der Schülerakte vermerkt gewesen wäre.
Auch der Rektor, den er in Mathematik, Musik und Sport hat ist sehr zufrieden mit Jonathan. Er berichtet, daß das Kind immer lockerer wird, mehr aus sich herauskommt, und nicht mehr so verängstigt und gehemmt ist, wie am Anfang. Man merkt, daß Schule ihm wieder Spass macht, im Gegensatz zu früher. Alle sind sich einig, daß es genau das Richtige war, Jonathan noch einmal die dritte Klasse wiederholen zu lassen. So hat er den Orts und Lehrerwechsel super verkraftet, und kann Nachmittags noch eigenen Interessen nachgehen.

Vorläufiges Fazit:

Unserem Kind geht es momentan rundum gut. In der alten Schule war der Klassensprung aufgrund des niedrigen Arbeitstempos unerlässlich, in der neuen Schule war die Rückstufung absolut das beste.
Das Allerwichtigste für unser Sensibelchen ist aber, daß er selbst mitentscheiden darf, was er möchte, und ernst genommen werden will..

Aber unser Diagnoseweg ist dennoch hier nicht zu Ende, denn: Unsere Tochter entwickelt inzwischen eindeutig hypoaktive Züge, kombiniert mit Zeichen von Unterforderung. Wir waren bereits bei unserem Kia zur ersten Abklärung, weitere Tests werden folgen.

Das Leben mit unseren Kindern wird nie langweilig.

Sobald sich etwas neues ergibt, melden wir uns wieder

Stand: 16.01.2004