Ernst

Mein Sohn wurde nach 8 künstlichen (erfolglosen) Einleitungen 10 Tage nach
errechnetem Termin geboren. Er wog knappe 9 Pfund. Die Nabelschnur war um
seinen Hals und hatte einen dicken Knoten. Die Hebamme wunderte sich, daß er trotzdem so gute Werte hatte und soviel wog. Sechs Wochen war eigentlich
alles in Ordnung, doch dann fing es an mit heftigen Blähungen und Endlos-Geschrei. Am Stück 3-4 Std., immer nachts ging es los. Er war durch nichts zu beruhigen. Mit 3 Monaten war diese Zeit vorrüber, aber er schlief keine Nacht durch. Er lag in unserem Bett und ich stillte ihn jede Nacht ungezählte Male. Mit 7 Monaten bekam er die Flasche. Den Tag über war er relativ brav und hat viel geschlafen, aber nachts ging nichts. Er wollte bei jedem Aufwachen die Flasche. So schaffte er locker 5 - 7 Flaschen die Nacht.
Ich machte sie sehr dünn, denn sonst wäre er wahrscheinlich bald gekugelt.
Die Windeln sahen dementsprechen aus. Später nahm ich nur noch Wasser, aber diese Zeit dauerte, bis er 2 Jahre alt war. Schnuller oder Flasche brauchte er immer.

Mit 1 1/2 Jahren fing er an ganze Sätze zu sprechen. Er konnte auch lange
Zeit schön mit sich selber spielen.
Er fing mit 14 Monaten an zu laufen, gekrabbelt ist er nur ganz kurze Zeit.

Mit 1 1/2 fing er auch an uns zu beissen, am liebsten in die Nase, oder uns
an den Haaren zu zerren, ich merkte schon damals, daß er sehr viel Kraft
hatte. Auch unser Nachbarsmädchen, das 3 Monate älter war als er, blieb nicht
verschont, sobald er sie sah wurde sie attakiert, gebissen, an den Haaren
gezerrt oder geschlagen. Im Sandkasten ging das ganze weiter. Ich mochte
schon nicht mehr mit ihm dorthin gehen. Ich mußte immer auf den Spielplatz
wenn möglichst niemand da war, da es sonst immer Chaos gab. Er teilte nie ein
Spielzeug und wollte aber immer alles von den Anderen haben. Meine ganze
Erziehung und das Lesen tausend schlauer Bücher über Grenzen setzen usw. half
nichts. Er reagierte auf unsere Erziehung überhaupt nicht. Es half keine Strafe, kein Verbot, kein Schimpfen u. Schreien und schon gar nicht ein Erklären. Ich dachte, ich versage hier völlig bei der Erziehung. Dann dachte ich wieder, das kann doch nicht wahr sein. Ich habe doch schon zwei Jungs groß gezogen, warum klappt das denn nicht mehr.
Ich setzte meine ganze Hoffnung auf den Kindergarten. Aber da wurde es ja noch viel, viel schlimmer.
Er durchwanderte in seinen 3 Jahren 4 Gruppen und war überall unbeliebt. Wir
wurden eigentlich niemals eingeladen, ausser bei unserer geduldigen Nachbarin, die ihn seit Geburt miterlebt hat.
Er schlug viele Kinder im Kindergarten scheinbar grundlos, er hasste regelrecht den Stuhlkreis, nur im Werkraum war er glücklich. Keine Kindergärtnerin mochte ihn. Ich traute mich schon gar nicht mehr hin, weil jeden Tag was anderes los war, aber er wollte doch so gerne. Er war sehr unglücklich, daß er so gut wie keine Freunde hatte.
Der Kindergarten schickte uns zur Erziehungsberatung, da wir ja irgendetwas
verkehrt machen müssten (Meinung des Kindergartens). Sie fragten sogar direkt ob wir Eheprobleme hätten.
Bei der Erziehungsberatung, zu der wir wöchentlich marschiert sind, gibt es
nicht viel zu sagen, ausser, daß er dort super brav war und völlig unauffällig. War ja wohl klar, er war ja dort nur mit uns alleine und da war er immer viel lieber als in der Gruppe. Abschließend wurde uns wieder mal geraten, mehr Grenzen zu setzen, aber sonst wird er den Anforderungen seines Alters gerecht, höchstens in Ergo-Therapie könnten wir ihn noch schicken, wegen der Feinmotorik. Er konnte nämlich nicht gut Sachen ausschneiden und einkleben. Das kann er zwar heute, aber er hasst es trotz 2jähriger Ergo immer noch...

Dann kam seine zukünftige Schule zum Gespräch in den Kindergarten und uns
wurde geraten nach München in die Poli-Kinderklinik zu gehen und ein EEG
machen zu lassen. Auch das machten wir, wir wußten uns ja wirklich keinen Rat mehr.
Ergebnis: Alles körperlich in Ordnung. Neurologischer Befund und EEG sprechen gegen eine ZNS-Erkrankung. Ernst ist hingegen ein recht mobiler lebhafter Bub, der ein fabelhaftes Gedächtnis hat, der keine Grenzen kennt und wohl auch kaum Grenzen abgesteckt bekommt. Aus unserer Sicht möchten wir eine psychotherapeutische Betreuung, insbesondere auch Familientherapie empfehlen (wortwörtlich aus Befund abgeschrieben).
Nach diesem Ergebnis war ich natürlich noch mehr als sauer. Ich rede mit den
Ärzten einen ganzen Tag lang, beschreibe ihnen meinen Sohn, erzähle ihnen von unseren Erziehungsmaßnahmen und dann die tolle Aussage, er bekomme wohl keine Grenzen abgesteckt, am liebsten wäre ich nochmals nach München gefahren und hätte den Ärzten meine Meinung gesagt. Also waren wir wieder so weit, es muß ganz einfach doch an uns liegen.

Ich muß sagen, mir graute vor der Schule. Ich habe mindestens 3mal den Kinderarzt gewechselt. Jedem habe ich unsere Probleme genau geschildert,
jedesmal wurde er gründlich untersucht aber nichts gefunden. Der erste Kinderarzt verschrieb ihm mit 1 Jahr ATOSIL damit er in der Nacht mal schläft
und ich auch, ha ha, nach 2stündigem Schlaf, der eher einem Bewußtlossein
näher kam (kein Wunder bei der Dosis) war er schlimmer als jemals zuvor. Der
Arzt konnte das gar nicht verstehen und wollte nur noch höher dosieren, da machte ich aber nicht mit. Meine Freundin arbeitet in einem Altenheim und erzählte mir, daß Atosil die unruhigen alten Leute bekommen (Ruhigstellung).
Beim nächsten Arzt bekamen wir Globoli, wir haben es auch noch mit x pflanzlichen Mitteln probiert, aber nichts half. Der 3te empfahl mir Osteopathie und Bachblüten, was soll ich sagen: keine Besserung in Sicht.

Zuhause in den Ferien, nur mit seiner Familie ging es dann wieder einigermaßen friedlich, dann kam die Schule und nach 3 Tagen ging es erst so
richtig los. Ich kann nicht sagen wie wir das alles durchgestanden haben, aber irgendwie gehts ja immer wieder weiter.
Die Schule war ein einziger Horror. Nach ein paar Wochen wurde die Schulpsychologin und das Schulamt eingeschaltet. Er wurde getestet auch auf
HB und siehe da, auch das traf zu. Ich war eher geschockt als erfreut. Ein hochbegabtes Kind und so "böse" "unaufmerksam""bockig""gefährlich für die
anderen Kinder" usw.( Reaktion von den Lehrern).
Es wurde eine stationäre Crash-Therapie von der Psychologin angeraten, der
ich aber nicht zustimmte, da ich mein Kind keineswegs alleine in eine Klinik
stecken wollte. Es mochte ihn eh keiner und wenn wir ihn auch noch im Stich
lassen, wie soll er sich dann erst fühlen, so dachte ich.
Nach dieser Unterredung und einigen Heulkrämpfen ging ich zu meiner Hausärztin und wollte mir etwas für meine Nerven verschreiben lassen, denn ich war wirklich am Ende. Ich erzählte ihr meine Geschichte und sie sagte zum ersten Mal ADS. Ich hatte noch nie etwas davon gehört. Ich kaufte mir alles was ich an Büchern kriegen konnte und las ganze Nächte. Das erste Mal merkte ich, daß ich nicht alleine war. Es gab einen Namen für sein Verhalten und es gab andere Betroffene. Die Hausärztin riet mir zu Ritalin und machte mir
innerhalb einer Woche einen Termin beim Kinderpsychiater. Er bestätigte die
Diagnose und er bekam Ritalin, gleichzeitig wurde uns VT verschrieben, auch
dieses Gespräch machte sie uns innerhalb 1 Woche möglich. Auch der Verhaltenstherapeut kennt sich mit ADS u. HB aus. Ich war glücklich, endlich
ein Fortschritt, ich könnte meine Hausärztin heute noch küssen und bin ihr
ewig dankbar.

Von Dezember bis Ostern ging alles gut. Er lernte gut in der Schule, dann
ging das Theater von vorne los.
Mittlerweile habe ich mühsam von meinem großen Sohn die Bedienung des Computers gelernt und ging ins Internet surfen. Da bin ich dann auf viele tolle Seiten gestoßen und vor allem auf Dich Anne, Deine Tipps u. Ratschläge waren immer die wichtigsten für mich und werden es auch bleiben.

Ach ja, hab ich noch vergessen, anfangs der Schule, so ungefähr 14 Tage lang,
bin ich während der kompletten Schulstunden auf dem Fußbänkchen vor der
Schultür gesessen, immer wenn die Lehrerin dann mit ihm rauskam, weil er
nicht mit machte, störte oder ihren Unterricht blöd, langweilig, babyhaft
fand, mußte ich ihn zurechtweisen.
Das war noch vor Ritalin. Ritalin bekam er ab November.

Und so ging es mit Ernst weiter (Auszüge aus mail-Kontakten)

Hallo Anne,
ich muß Dir einfach noch mal persönlich schreiben ...
Ich habe einen Besprechungstermin bei unserem Psychologen am Dienstag. Er
hat mit der Lehrerin am Telefon gesprochen und wird mir alles dann mitteilen.
Ich habe erfahren, daß unsere Lehrerin Versetzung beantragt hat und mit mir
will sie erst nach den Pfingstferien wieder einen Gesprächstermin mit anderen
Lehrern und mir vereinbaren. Warum andere Lehrer weiß ich noch nicht.
Sie findet meinen Sohn überhaupt nicht unterfordert ausser in Mathe. Ich glaube auch, sie hat aufgegeben...
Ich glaube es ist ihr völlig egal ob er noch mitmacht oder nicht. Wenn er stört, kommt der Anruf. Mein Sohn ist sich wie immer keiner Schuld bewußt, aber das wird am ADS liegen. Ich will ihn auch deswegen nicht immer schimpfen.
Vielleicht gehts in der 2ten Klasse mit neuer Lehrerin besser, obwohl ich mir
schon gar keine Hoffnungen mehr machen traue.
In der Pause bin ich schon oft in der Schule gewesen, ich wohne ja nur 200 m
weg, für mich also kein Problem, wurde mir verboten (Extrawurst). In der Schule war ich anfangs oft, wurde auf Grund irgendwelcher Vorschriften untersagt. Wenn ich da war, gings immer gut. Die ersten Wochen im September saß ich jeden Tag vor der Schule und hab gewartet bis etwas vorgefallen ist und die Lehrerin ihn mir brachte.
Wir haben leider keine Paralellklasse und die Klasse hat mittlerweile noch 28
Kinder. 2 sind weg (einer wieder im Kindergarten, eine weggezogen).
Vielleicht ziehen wir ja wirklich noch weg, aber ob es in einer anderen Schule bei uns auf dem Land leichter ist, wage ich zu bezweifeln.
Mein Sohn geht seit Oktober in VT, vielleicht weiss der Psychologe zu dem er
jede Woche geht Rat. Es muß doch eine Theraphie geben, in der er Verhalten
trainieren kann, oder???
Vielen Dank Anne für`s Lesen und Zuhören, wenn ich Dich nicht hätte, ich weiß
nicht mehr was ich tun würde.
Mein Mann ist leider immer noch kein besserer Gesprächspartner was ADS
anbelangt geworden. Er wartet immer noch drauf, daß es plötzlich verschwunden ist. Übrigens: zuhause ist mein Sohn viiiel besser wie früher.
Viele Grüße ...

Im 2. Halbjahr des 1. Schuljahres fand sich dann eine andere Grundschule, die Ernst als "Gast" aufnahm: (hier Auszüge aus weiteren emails):

Hallo Anne,
gerne will ich Dir schreiben wie es meinem Sohn nach 14 Tagen an der neuen
Schule geht.
Er geht mit Freude in die Schule, obwohl er 14 Schreibschriftbuchstaben nachholen muß, da die Klasse viel weiter ist, hat er dies schon fast geschafft, obwohl das ja doppelte Hausaufgabe bedeutet. Einiges darf er auch während dem Matheunterricht nachholen. Die Kinder und die Lehrerin machen ihm das Eingewöhnen aber auch wirklich schön.
Er ist bis jetzt noch nicht durch oppositionelles Verhalten aufgefallen. Wenn die Aufmerksamkeit nachläßt darf er in die Aula zum Blumen gießen oder muß einen "wichtigen Brief" ins Büro tragen (ist mit dem Büro so vereinbart). Während dieser Zeit spricht die Lehrerin mit den anderen Kindern, daß mein Sohn eine etwas andere Behandlung braucht als die meisten und wie noch fünf andere. Sie versucht jedes Kind nach seinen Bedürfnissen zu behandeln und scheint das auch super in den Griff zu kriegen. Es gibt keine Beschimpfungen u. Demütigungen vor den Klassenkameraden. Sie schimpft nie über die Kinder vor den Eltern. Ich kenne Sie bis jetzt nur als fröhliche, kompetente Lehrerin, die sehr viel über ADS, Hochbegabung u. Hyperaktivitaet weiß. Sie kennt sämtliche Bücher über diese Themen und freut sich über jede Seite die ich ihr vom Internet bringe.Sie ist der Meinung, dass mein Kind bestimmt mit der halben Menge Ritalin während des Unterrichts auskommt u. nach Absprache mit unserem Arzt haben wir vor einer Woche auch damit begonnen und bis heute bin ich sehr stolz auf mein Kind. Sein Verhalten und seine Aufmerksamkeit haben sich nicht verschlechtert. Ich kann es kaum glauben.
Ich weiß nicht wie die Lehrerin das macht, aber sie hat ein sehr glückliches
Händchen bei meinem Kind.
Ich brauche nicht mehr mit niedergeschlagenen Augen und Magenweh zur Schule gehen was wieder los sein wird, denn sie sieht diese Kinder durch die "HB u. ADS-Brille"
Auch wenn wieder mal was vorkommt brauche ich keine Angst zu haben, denn alles was im Unterricht ist, teilt sie mir zwar mit, regelt das aber selber mit den
Kindern. Sie sagt, wir müssen unsere Kinder den ganzen Tag, am Wochenende u. in den Ferien haben, dann wird sie es wohl in den paar Schulstunden schaffen, ausserdem möchte sie ihre Schulkinder so behandeln, wie sie möchte, daß ihr eigenes Kind behandelt werden soll.
Ist das nicht prima. Meinem Gastschulantrag wurde bereits zugestimmt und mein Kind wird auch in der 2.Klasse diese super Lehrerin haben. An die 3. u. 4 Kl. mag ich heute noch nicht denken.
Die 10 km Schulweg nehme ich gerne in Kauf. Sie wird auch noch einiges in
Sachen HB machen, sie ist deswegen gerade 2 Tage auf Fortbildung, wenn ich
mehr darüber weiss sage ich wieder Bescheid.
Ich glaube meinem Sohn geht es auch deswegen so gut, weil er jetzt richtig
gefordert wird und nicht mehr abgeschoben vor der Türe oder am Compi sitzt.
Ich habe dir ja geschrieben wie das bei der vorherigen Lehrerin war. Ich
hoffe, soetwas nie mehr zu erleben.
Liebe Grüsse