Daniel

Mein Sonnenschein

Am 10.03.1994 ging für mich die Sonne auf. Mein Sohn Daniel (geplantes Wunschkind) erblickte als Wonneproppen von 4300 g und 54 cm das Licht dieser Welt per Kaiserschnitt. Apgar 10 Ich sehe alles wie gestern vor mir. Bis heute bleibt die Geburt meines Sohnes das schönste Erlebnis das ich je hatte. Ich weiß noch ich lag im Krankenbett und mein Sohn, in einem drehbaren, am Fußende meines Bettes montierten Babybettchen, schlief am ersten Tag praktisch nur.
Ich blickte dieses kleine Wesen an und versuchte mir vorzustellen, was das Leben uns bringen würde und war unfähig seine Existenz zu erfassen.

Heute ist mein Sohn neun Jahre alt und wir haben viele Täler durchwandert und er ist und bleibt dennoch die Sonne meines Lebens.

Rückblickend begann unser schwerer Weg eigentlich schon im Krankenhaus.
Denn nach dem 1. Tag stellte sich heraus, dass er ziemlich kräftige Lungen hat. Ich wollte unbedingt stillen, ich hatte mich gut vorbereitet, meine Brüste immer mit einer Bürste massiert und an der Luft trocknen lassen, um sie auf die Belastung vorzubereiten. Leider kam meine Milch erst spät und es stellte sich heraus, dass mein kleiner Sohn großen Hunger hatte. Das Krankenhaus gab ihm zusätzlich zum Tee auch noch Aptamil und so war das Stillen während der ganzen Zeit eine Tortur. Ich habe dann noch gepumpt damit die Milch schneller kommt, bis aus meinen Brüsten das Blut floß.
Ich erinnere mich an eine Nacht als die Kinderkrankenschwester völlig entnervt war, weil mein Sohn einen hysterischen Schreikrampf nach dem anderen hatte und meine Brüste komplett verweigerte. Sie sagte völlig außer sich "das gibt es doch gar nicht, dass er sich nicht stillen läßt!!"
Hätte ich gewusst was ich heute weiß, wäre mir vieles schon klar gewesen. So aber dachte ich, ist alles nur meine Schuld, da ich so unerfahren bin und dies sich auf Daniel überträgt.

Daniel hat diesen Eigensinn von Anfang an gehabt. Wenn er als Baby irgendwelche Medikamente brauchte hat er sich geweigert. Wenn wir es dann mit Gewalt und Hilfe des Kinderarztes geschafft hatten ihm die nötige Dosis zu verabreichen, ist er hysterisch geworden und hat so lange geschrieen, bis in hohem Bogen alles wieder raus kam.
Ich habe Blut und Wasser geschwitzt, wenn er Antibiotika brauchte oder wir zum Kinderarzt mussten.

In der Krabbelgruppe war er auffällig das einzige Baby, das immer wegkrabbelte, wenn es an den Singkreis ging oder eine gemeinsame Aktivität anstand. Er ist eigentlich immer turbomäßig schnell rumgekrabbelt und man konnte ihn keine Minute aus den Augen lassen.
An Gesprächen mit den anderen Müttern konnte ich mich nicht wirklich beteiligen, weil ich immer ein Auge auf meinen Rabauken haben musste. Er benahm sich damals für mein Verständnis schon auffällig anders als die anderen Kinder.
Aber der Kinderarzt hat das abgetan und gesagt es sei zu früh für irgendeine Diagnose und er wäre halt sehr lebhaft.

Schlaf kam bei uns auch nur ganz selten vor, erst als er fast zwei Jahre alt war hat er angefangen die Nächte wenigstens 6 Stunden durchzuschlafen. Er war immer sehr aktiv, mit 11 Monaten konnte er alleine Laufen.
Danach war entgültig nichts mehr vor ihm sicher. Er machte damals auch schon immer so komische Geräusche und schlug sich oft selbst mit der Hand gegen den Kopf und solche Sachen. Das fand ich alles sehr komisch.

Auch zu meinen Freundinnen mochte ich bald gar nicht mehr gehen, weil ich mich nie wirklich entspannen konnte. Daniel war so anders als die anderen Kinder.
Dabei waren meine Freundinnen doch zum Teil mit Ihren Kindern viel inkonsequenter. Da durfte der Sohn abends so lange auf der Couch vor dem Fernsehen sitzen bleiben, bis er eingeschlafen war. So was gab es bei mir überhaupt nicht.

Die ersten 2,5 Jahre war ich ganz Mutter und Daniels Vater sorgte für den Lebensunterhalt. Ich war voll engagiert. Ging mit ihm zum Kinderturnen, zum Spielplatz, matschte und spielte mit ihm, kümmerte mich um eine ausgewogene Ernährung und schwitzte wieder Blut und Wasser, weil einfach alles mit ihm schwierig war und nichts so wie in den Büchern funktionieren wollte.
Ich dachte dann oft, wenn er so auffällig war, dass er zuviel Aufmerksamkeit bekam.
Seinem Vater wurde unser angespanntes Familienleben zu unerträglich (man konnte mit Daniel nicht weggehen; er war einfach daueranstrengend und wollte Daueraufmerksamkeit), er verlor seinen Job und ließ sich total gehen.
Als er arbeitslos
wurde, konnte ich glücklicherweise zurück in meine alte Stelle. Aber nun hatte ich Doppelbelastung hoch drei, da mein Lebensgefährte keinerlei Hilfe mehr war - eher eine Belastung und Daniel unveränderlich unberechenbar und anstrengend.

Die Beziehung zerbrach - Daniel kam in den Hort und meine Eltern sprangen auch mit ein. Der Vater war jetzt auch komplett weg. Er wollte mit uns nichts mehr zu tun haben und meinte, wenn ich mich von ihm trenne, höre und sehe ich nichts mehr von ihm (war mir ganz recht - aber für Daniel fand ich das nicht so prickelnd) .
Er schien den Weggang seines Vaters aber eigentlich gut zu verkraften!!!??!!
Meine Eltern kümmerten sich rührend um ihn, obwohl meine Mutter auch oft überfordert war und sagte, so anstrengend wären wir (meine Schwester und ich) nicht gewesen.
Mein Vater sagte immer: "dat einzige wat dat King nit kann is hören".

Es war schon sehr auffällig und so machte ich einen Termin beim Ohrenarzt. Daniel war damals noch sehr klein und man sagte mir, er würde diesen Test wegen der Komplexität wohl an zwei Tagen machen müssen. Aber Daniel überraschte alle und machte beim Hörtest hervorragend mit.
Der Arzt kam später extra heraus und sagte er wolle sich den kleinen schlauen Kerl persönlich ansehen und war ganz begeistert von ihm.
Der Hörtest ergab auch keinen Befund. Wir wurden aber auch nicht auf eine mögliche Fehlhörigkeit hingewiesen und ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt davon auch noch nie gehört.
Ich war erst einmal gestresst genug, Haushalt, Kind und Arbeit unter einen Hut zu bringen.

Kaum war Daniel dann allerdings mit 3,5 Jahren im Kindergarten, wurde ich auch schon zum Termin gebeten. Er benehme sich auffällig und mache störende Geräusche, verziehe sich beim Spielen immer unter den Tisch und sondere sich ab. Er zeige sogar autistische Züge.
Nach diesem Gespräch machte ich nicht einmal einen Umweg sondern, fuhr direkt zu meinem Kinderarzt. Der tat die Aussage des Kindergartens relativ ab, verschrieb jedoch ein Rezept, mit dem ich beim örtlichen Förderverein zwecks Ergotherapie etc. vorstellig werden sollte.

Daniel sprach auch schon - hatte einen guten Wortschatz und eine für sein Alter sehr gute Ausdrucksweise, aber er hatte auch durch einen starken Überbiss einen leichten Sprachfehler und so war eigentlich zusätzlich zur Ergotherapie noch eine Sprachtherapie vorgesehen.
Nach der Vorstellung bei den Therapeuten des Fördervereins stellten diese jedoch eine deutliche Wahrnehmungsstörung fest und konfrontierten mich mit dem Begriff "minimale cerebrale Dysfunktion" (Hölle!!!!)
Es wurde entschieden, dass Daniel zuerst einmal Krankengymnastik bekommen sollte, um seine körpereigene Wahrnehmung zu fördern.

In der Zwischenzeit besorgte ich mir dann ein Buch zu MCD (Drück mich mal ganz fest), aber so ganz konnte ich Daniel in der Beschreibung dieses Kindes nicht wiedererkennen (obwohl Namenvetter).
Ich vertraute dann erst einmal auf die Therapie und konzentrierte mich ansonsten auf meine Arbeit.
Über zu wenig Streß konnte ich mich nicht beklagen. Meine Mutter übernahm die Therapie und kam extra, um Daniel vom Kindergarten zu holen und zur Therapie zur bringen.
Aber selbst die geschulten Therapeuten verzweifelten an ihm und oft kam er schon nach 10 Minuten wieder zurück in das Wartezimmer zu meiner Mutter, weil er erst gar nicht mitmachte.

Eine meiner Freundinnen sagte dann, vielleicht ist er ja "Hyperaktiv" - sie kenne auch einen Fall in ihrem Bekanntenkreis.

Hyperaktiv ----- was war dass jetzt schon wieder?

Ich wollte doch nur ein ganz normales Kind. Und Daniel konnte auch gleichzeitig so lieb und sensibel sein. Er war auch ganz clever und begriff Zusammenhänge schnell. Es gab Momente, da dachte ich - der ist ziemlich intelligent - aber er war jetzt auch nicht so der Überflieger, dass er schon vor der Schule lesen konnte oder so.
Deshalb habe ich an eine mögliche Hochbegabung eher nicht gedacht.

Mit dem Begriff "Hyperaktiv" konfrontierte ich jedoch bei meinem nächsten Arztbesuch den KA und der sagte dann "Das Kind ist ja erst vier Jahre - da kann man so eine Diagnose noch gar nicht stellen."

In der Zwischenzeit kamen aber beinahe täglich Beschwerden aus dem Kindergarten. Daniels Kindergärtnerin (die er heiß und innig liebte) war gerade von der Schule und hätte am liebsten nur ruhige nette Kinder gehabt. Sie war mit Daniel schlichtweg überfordert (na ja, ich ja auch teilweise und ich hatte nur Daniel zu betreuen).
Der Kindergarten "einigte" sich mit mir, dass Daniel morgens zwar in seine "Sternengruppe" gebracht wurde - aber dann täglich in einer anderen der vier Gruppen betreut werden sollte. Um so die Erzieherin/-nen zu entlasten.
Für mich war dies eine sehr provisorische Lösung und ich war nicht glücklich damit. Ich wurde beim Jugendamt vorstellig.
Aber Behörde ist eben Behörde, da ändert auch eine aufgepeppte Erscheinung und einige Schlagwörter zum Schutz und Recht der Kinder nichts dran.
Verstaubte Sachbearbeiter, Dienst nach Plan und Schubladendenken sind im Umgang mit individuellen Problemen bei der Kindererziehung, den unterschiedlichsten Familienformen und Gesellschaftsschichten eher kontraproduktiv.

Mir passte Daniels stetiger Wechsel von KG-Gruppe zu KG-Gruppe nicht. Ich wollte ja, dass er lernte sich fest mit einer Gruppe zu identifizieren und sich auch integrierte und so suchte und fand ich eine evangelische Tagesstätte.
Ich schilderte der Leiterin alle Probleme die wir hatten, ich hatte auch in der Zwischenzeit auf eine Halbtagsstelle gewechselt. Man entschied sich, es mit Daniel zu versuchen und so kündigte ich bei dem städtischen Kindergarten und ab März ging Daniel dann in den anderen Hort. (rückblickend - mit dem Wissen, das ich heute habe - würde ich das nicht noch einmal tun).

Daniel war jetzt 4,5 Jahre alt und wir durchlebten die schwierigste Zeit. Er war für jegliche erzieherische Maßnahme überhaupt nicht ansprechbar. Ihn zu bestrafen mit Spielzeugentzug etc. beeindruckte ihn überhaupt nicht - obwohl ich wirklich sehr konsequent war. Er hatte unglaubliche Tobsuchtanfälle und ging sogar einmal mit dem Hammer auf mich los.
Aber er war dann gar nicht da - in seinen Augen sah man das ihn irgendeine mächtige Kraft leitete, die er nicht kontrollieren konnte. Er tat mir in diesen Momenten immer besonders leid. Ich schaffte es dann ihn zu beruhigen, indem ich ihn erst gegen seinen Willen festhielt und beruhigend auf ihn einredete z.B. "komm mal her, was ist denn los, du bist ja ganz außer Dir". Er weinte dann und beruhigte sich.
Das Unfassbare aber war, dass solche Wutanfälle in dieser Heftigkeit nicht etwa einmal vorkamen und dann erst mal wieder Ruhe war (so kannte ich das bei meiner Freundin, wenn auch nicht in dieser ganzen Heftigkeit). Es konnte passieren und passierte auch oft, dass 10 Minuten später wegen irgendeiner anderen Sache das ganze Spiel von vorne begann. Und ich war konsequent, oft konsequenter, (das ist nun mal mein Anhaltspunkt) als meine Freundin. Während sich Ihre Kinder zu "Bilderbuchkindern" entwickelten, war meinem Sohn immer weniger beizukommen. Es war zermürbend.
Ich neige in jeder Beziehung dazu die Schuld erst einmal bei mir zu suchen und hatte vorher fast kein Selbstvertrauen. Ich ging also zur Erziehungsberatung von der Caritas. Trotz langer Wartelisten fand man einen Weg, mich ziemlich schnell anzuhören. (Überhaupt: das Wort "Warteliste" wurde auch mehr und mehr zum roten Tuch). Ich holte mir auch einige gute Tips.

Zum Beispiel neigte ich dazu Daniel immer jede Maßnahme erklären zu wollen oder mich für eine erzieherische Konsequenz rechtfertigen zu wollen. Durch die Erziehungsberatung lernte ich, dass es nach deutlicher Ermahnung auch reicht einfach "nein" zu sagen und dieses nein dann aber auch durchzuziehen.
Aber Daniel war eben anders. Ich weiß gar nicht, wie ich ihn beschreiben soll.
Er war unruhig, ablenkbar - hatte eine unglaublich niedrige Frustrationsschwelle - auch eine erstaunliche körperliche Kraft wenn er dann wieder wütend wurde.
Gleichzeitig war er kreativ, konnte stundenlang mit selbstgebastelten Spielsachen (seine Spielsachen interessierten ihn nicht) spielen, im Sand matschen oder an meiner Spüle mit Wasser experimentieren. Dass meine Küche anschließend Unterwasser stand nahm ich gerne in Kauf für ein paar Minuten Ruhe, um aufräumen zu können.
Wenn er an etwas interessiert war konnte er auch lange die Aufmerksamkeit halten bzw. man konnte ihn dann zum Teil sogar gar nicht mehr ansprechen und ablenken, weil er so beschäftigt war.

Ansonsten waren alle alltäglichen Dinge schwierig mit Daniel: essen, anziehen, hören - reagieren etc. Ich merkte: Ich kann bald nicht mehr!!!!
Außerdem war da ja die Doppelbelastung und die finanziellen Probleme.
Ein Halbtagsjob bedeutete ja weniger als die Hälfte Geld als vorher. Plus Kindergeld und Unterhaltsvorschuß kam ich immer noch nicht auf mein altes Nettogehalt als Single. Aber da war ja dieser kleine Mensch mit seinen Bedürfnissen und die Rechnungen türmten sich. Langfristig konnte ich das nur schaffen - wenn ich wieder voll arbeiten ging.

Auch der neue Kindergarten verzweifelte. Stuhlkreise waren ein riesiges Problem - er wurde in die Küche oder in ein anderes Zimmer geschickt um einen problemlosen Ablauf zu gewähren.
Während seiner Wutanfälle gefährdete er andere Kinder. Der Kindergarten war sehr engagiert - sagte aber man bräuchte eigentlich für Daniel noch eine zusätzliche Arbeitskraft, die als eine Art "Springer" fungiert und ihn in brenzligen Situationen einfach aus der Gruppe holt. Da es in Daniels Kindergarten noch mehr auffällige Kinder gab, war dies auch eine echte Überlegung wert. Aber wenn in diesem Lande jemandem eine Lobby fehlt - dann sind es wohl die Kinder.
Eine zusätzliche Arbeitskraft war völlig indiskutabel.

Aufgrund meiner Not hatte in der Zwischenzeit auch mein Kinderarzt (völlig ahnungsloser "Arzt") mich an das Kinderneurologische Zentrum in Bonn verwiesen. Dort gab es für mich die Möglichkeit zu einem einwöchigen Aufenthalt auf einer Mutter und Kind Station mit gleichzeitigen "Untersuchungen. Ich setzte viele Hoffnungen darauf - hatte aber eine Wartezeit von einem Jahr zu überbrücken. (Wenn man sich dann einmal überlegt, was ein Jahr für die Entwicklung eines Kindes bedeutet - wie viele falsche Weichen man in dieser Zeit schon stellen kann - aber das ist eine andere Geschichte.)

Als es im Kindergarten immer schlimmer wurde, bat ich das Jugendamt um Intervention und konnte schließlich im Okt. 99 nach Bonn. Daniel war 5.5 Jahre alt. Auf der Mutter und Kind Station war Daniel das einzige "normale" Kind. Alle anderen (5 Mütter und Kinder) waren entweder schwer geistig behindert oder total entwicklungsverzögert.
Beides traf ja auf Daniel
nicht zu. Ich dachte mir aber zuerst nichts dabei. Daniel hatte täglich einen Termin bei einer Heilpädagogin und wurde auch von einer Psychologin untersucht.
Die stellte schon fest, dass er nur eine kurze Konzentrationsfähigkeit hatte, aber auch überdurchschnittliche kognitive Fähigkeiten.

Bei der Heilpädagogin ließ er sich auch auf das Spiel und die damit verbunden Spielregeln ein. Wenn es gut klappte durfte er dann nämlich immer in so einem Kletterparadies turnen - zum Abschluss.
Auch die gemeinsamen Spielstunden mit mir, um unsere Bindung zu testen, liefen sehr positiv ab. Mich wunderte das nicht - denn in der eins zu eins Situation hatte er eh immer weniger Probleme als in der Gruppe und hier in Bonn hatte er ja nun wirklich meine ungeteilte Aufmerksamkeit und ich genoss auch die Zeit mit meinem Sohn - ohne Arbeit und andere Verpflichtungen.
Zum Ende unseres Aufenthaltes machte man dann noch ein EEG, das einige Spitzen aufwies, aber ansonsten endete der Abschlussbericht damit, dass ich meine Sache als Mutter doch ganz gut mache und ansonsten Daniel sehr aufgeweckt ist und viele Bewegungsangebote braucht.
Das half uns jetzt nicht wirklich!!!!
Der Kindergarten sah das auch so und "bescherte" uns kurz vor Weihnachten die Kündigung. Ab Januar stand ich jetzt also ohne Betreuung da - Klasse!!!!! Einmal durchatmen - viele, viele Tränen - Danke Familie und Freunde.

Ich muss gestehen: Ich wurde immer mutloser.
Alles was ich voller Enthusiasmus begann funktionierte am Ende nicht wie gewünscht. Und ich war wirklich am Ende!!!! Ich merkte, wie ich depressiv wurde und resignierte und ich konnte nichts dagegen tun. (Ich hasste mich)
Ich wendete mich an die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Viersen - dort an die Ambulanz. Daniel wurde aber auch immer empfindsamer und merkte schnell, wenn er wieder einmal "begutachtet" werden sollte. Außerdem war er nach wie vor unbehandelt und wir durchlebten immer noch die schwierigste Phase.

In der Ambulanz während meines Gesprächs zur Aufnahme für die Mutter und Kind Station über drei Wochen drehte er voll auf und ich konnte ihm nicht Einhalt gebieten. Also sagte mir die Heilpädagogin, dass die Mutter und Kind Station nicht das richtige für uns wäre - sondern Daniel auf die K9 kommen sollte. Dann hätte ich auch einmal die Möglichkeit wieder zu mir zu kommen. Das bedeutete einen stationären Aufenthalt, bei dem ich ihn nur an den Wochenenden nach Hause bekommen hätte und ihn auch während der Woche nicht besuchen durfte. Ich war mir sicher, dass kommt für uns nicht in Frage. Ich glaube bis heute das hätte Daniel mehr geschadet (nicht nur, weil ich nicht Monate lang ohne ihn sein wollte).

In der Zwischenzeit hatte ich allerdings auch im Internet über MCD oder Hyperaktiv nach Informationen gesucht und war auf meine ersten ADS Seiten gelangt. Zum erstenmal hatte das Kind jetzt einen Namen!!!!!!!!!!
Diesmal fand ich Daniel in den Beschreibungen zu 100% wieder.
Dies verschaffte mir einerseits eine Erleichterung und machte mir andererseits ob der Prognosen auch große Sorgen. Aber nun - find mal einen fähigen Arzt in der Umgebung (oder zumindest erreichbar) - tja, und dann wieder die Wartelisten.

Ich fand eine Selbsthilfegruppe und eine Pädagogin, die Daniel gegen Bezahlung cash auf die Hand (nicht bei der KK zugelassen) untersuchte und mir bestätigte, dass bei ihm eindeutig eine Fehlhörigkeit vorlag. Sie empfahl dringend eine Einstellung mit Ritalin und gab mir allerlei Info´s zu diesem Medikament mit. Außerdem die Adresse eines Arztes in Krefeld. - WAAARTEELIIISSTE - knapp ein Jahr!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Daniel Ritalin zu geben widerstrebte mir sehr, aber ich sah dass es nicht mehr wie bisher weiterging.
Mein Arbeitgeber war ja sehr verständnisvoll und setzte mich vorrübergehend (Halbtagsjob) im Schichtdienst ein, damit ich nicht ganz aufhören musste zu arbeiten (AZ von 19:00 bis 24:00 Uhr). Dies konnte aber kein Dauerzustand bleiben.
Für Daniel war es auch nicht förderlich den ganzen Tag nur mit mir zu verbringen.

Über das Jugendamt fand ich dann eine Tagesmutter, die Daniel an ein paar Tagen erst einmal testete und dann entschied es zu versuchen. Sie hatte selbst einen kleinen fast vier Jahren alten Sohn Erik. Sie bekam auch wegen Daniels Problematik einen Sonderzuschlag. Also arbeitete ich wieder vormittags - aber nur ca. drei Wochen - dann bekam ich gegen 11:00 Uhr einen Anruf, ich sollte Daniel sofort abholen - es ginge nicht mehr. DANKE? DANKE! ( War das jetzt ein Kind oder ein Monster????)
Ich rief meinen Schwager an, der übernahm Daniel dann für den Rest des Tages und ich kapitulierte. Ich klärte mit meinem Arbeitgeber die Auflösung des Arbeitsverhältnisses und wieder einmal half er mir, indem ich die restliche zu überbrückende Zeit von zu Hause aus arbeiten durfte. Er hätte mich sogar irgendwie weiterbeschäftigt.
Aber ich konnte nicht mehr auf "zwei Hochzeiten" tanzen und musste mich jetzt erst einmal auf das Kind konzentrieren und dieses Problem in den Griff kriegen.
Vom Arbeitsamt konnte ich keine Leistungen erwarten. Ich hatte zwar schon jahrelang in die Kassen eingezahlt, aber jetzt war ich ja mangels Kinderbetreuung nicht vermittelbar. Also blieb mir nur das Sozialamt - denn von irgendwas mussten wir ja leben und ich unsere Miete etc. bezahlen.
Die Sachbearbeiter beim Sozialamt waren wirklich sehr nett. Aber das änderte nichts daran, dass meine Eltern bereits nach zwei Wochen per Einschreiben aufgefordert wurden, ihre kompletten Vermögensverhältnisse darzulegen.

Ich war jetzt 36 Jahre alt und hatte immer in sämtliche sozialen Kassen gezahlt und nicht wenig. Und jetzt!!!! Meine Eltern wurden natürlich nicht für meinen Sohn in die Verantwortung genommen, aber von den DM 1056,00 die ich vom Sozialamt bekommen hätte, hätten meine Eltern DM 800,00 übernehmen müssen und die sind auch nicht mit Reichtum gesegnet. Das machte mir das Leben nicht gerade leichter.
Ich sage ehrlich, dass ich mit dem Gedanken gespielt habe, Daniels und mein Leben zu beenden.
Aber man hängt ja doch auch am Leben wenn es beschissen ist oder vielleicht gerade dann - der Mensch will leiden.

Zu der Zeit verbrachte ich auch viel Zeit mit meiner Cousine - die hatte zwei lebhafte Jungs und sagte immer sie könne gar nicht verstehen, was die Leute alle haben - sie könne gar nicht erkennen das mit Daniel irgend etwas nicht stimmte. Sie war auch mein/ unser rettender Engel!!!!!!!! Danke Stefanie.
Sie erzählte mir nämlich, dass in ihrem Ort eine neue Kinderärztin bald die Praxis eröffnen würde.

Am Tag der offenen Tür konnte man Infobroschüren mitnehmen und daraus ging hervor, dass Sie auch die Diagnose ADS vornahm. Sofort machte ich einen Termin - keine Warteliste -juchhu!!!!!!!
Sie hörte sich meine Geschichte an und gab mir Fragebögen mit, die ich Daniels alten Kindergarten bat auszufüllen. Auch die Tagesmutter bekam einen und meine Eltern und ich. Außerdem hatte ich ja die Unterlagen aus der Ambulanz in Viersen und auch aus Bonn. Dann führte ich noch über 14 Tage lang Buch über Daniels Verhalten.
Schließlich bekam er sein erstes Ritalin. Das war im April 2000 und ich war jetzt ca. einen Monat Sozialhilfeempfänger.
Die Wirkung war so unglaublich dass ich nicht sicher war, ob es sich bei mir um Wunschdenken handelte oder ob ich träumte.

Er war ansprechbar. Er reagierte auf Aufforderungen. Er spielte mit Lego und das stundenlang - ich konnte arbeiten ohne, dass er mir dazwischenfunkte. Ich konnte telefonieren und den Gesprächsteilnehmer an der anderen Leitung verstehen. Dieses Verhalten fiel auch anderen auf.
Ich führte jetzt weiter Buch für die Kinderärztin, um die richtige Einstellung zu finden und setzte mich dann mit Daniels altem Kindergarten in Verbindung. Nach einer Testphase nahm der Kindergarten ihn bis zum Sommer (dann war er schon schulpflichtig) wieder auf.
Ich hatte ihn im Februar bereits bei der katholischen Grundschule angemeldet. Zum 10 Juli 2000 fand ich dann auch wieder eine neue Stelle. Wieder Vollzeit (Sie werden denken unverantwortlich - aber ich brauchte das Geld) - vier Monate bettel-bettelarm haben gereicht und außerdem .. meine armen Eltern. Die Dinge normalisierten sich ein wenig.

Nach den Sommerferien entschied ich nach Empfehlung des Kindergartens, dass Daniel erst ein Jahr lang die Vorschule besuchen sollte (heute würde ich das nie mehr so entscheiden - aber vorbei ist vorbei) Gleichzeitig meldete ich ihn in der Übermittagbetreuung der Schule an. Meine Eltern wohnten mittlerweile einen Stock über mir und so konnte ich mit Unterstützung meiner Mutter auch arbeiten gehen.

Das Ritalin änderte natürlich nicht alles und so gab es nach wie vor Probleme. Ich wurde mehrfach genötigt in die Schule zu kommen und Daniel musste auch immer wieder neu eingestellt werden. Ich hatte mich in dieser Beziehung ja auch keiner Illusion hingegeben und eh schon versucht, zusätzliche Therapien zu finden - parallel zur medikamentösen Behandlung. Meine Ärztin empfahl mir eine psychologische Praxis, die allerdings nicht über die Krankenkasse arbeite, sondern über das Jugendamt und die Erziehungshilfe.
Das Jugendamt war aber nur gewillt (trotz aller bekannten Probleme - unglaublich) die Erziehungshilfe zu gewähren wenn Daniel von einer seelischen Behinderung nach § 35a SGB bedroht wäre oder diese bereits vorläge.

Meine Ärztin überwies mich wieder an die Ambulanz in Viersen. Hier wurde Daniel während drei Terminen noch einmal getestet (in einigen Bereichen schnitt er weit überdurchschnittlich ab) und anschließend bekam ich die Bescheinigung, dass er von seelischer Behinderung bedroht ist (Horror - so in schwarzen Buchstaben auf weißen Grund) - Mein Goldstück - mein kleiner Liebling!!!!

In der Zwischenzeit war ich bei einem Kinderhort vorstellig geworden, der Daniel schon einmal während der Ferienzeit betreut hatte, und bat um eine Notaufnahme, da meine Mutter mit der Erziehung und Betreuung meines Sohnes über einen längeren Zeitraum überfordert war. Der Kinderhort gewährte mir einen Platz und ist seither wirklich ein Segen und eine Stütze in guten wie auch schlechten Zeiten.
Wie bei Ritalin üblich gibt es Rebounds und auch unterschiedliche Phasen in denen es mal wieder gar nicht läuft.
Für das Ende des Jahres 2001 wurde uns eine Mutter und Kind Kur gewährt und brachte uns in den hohen Norden ans Wattenmeer. Diese Mutter und Kind Kur war aber eigentlich mir verschrieben worden, damit ich einmal durchatmen konnte. Daniel bekam Schulunterricht. denn in der Zwischenzeit war er im ersten Schuljahr.
Die Kur hat uns wirklich gut getan - obwohl er auch hier nicht ganz so betreut werden konnte wie die anderen Kinder. Gegen Ende der Kur bat mich Daniels Lehrerin jedoch zu einem Gespräch und ich dachte Mist, nun muss ich mir wieder die gleiche Leier anhören. Aber weit gefehlt.
Die Lehrerin war ganz begeistert von meinem Sohn bzw. eigentlich waren es zwei Lehrerinnen, die die Kurkinder in Gruppen à drei Kindern unterrichteten. Sie fragten mich nach unserer Geschichte und nickten immer wieder verständnisvoll. Anschließend sagten sie, mein Sohn sei hochbegabt und ich sollte um Gottes Willen alles was ich unternehmen will unter diesem Aspekt beleuchten.
Sie zeigten mir ein Arbeitsblatt auf dem mein Sohn mit Zahlen von über 1.000.000 gearbeitet hatte. Ich konnte das gar nicht glauben und er hatte auch unglaubliche logische Schlussfolgerungen gezogen.
Endlich mal eine positive Nachricht - oder ???!!??
Zuhause zurück zog ich mir noch einmal den Test heraus der zur Feststellung der drohenden seelischen Behinderung gemacht worden war.

In der Zwischenzeit gab es dann auch in der ersten Klasse die ersten Probleme, die eine integrative Förderung nötig machten. Der Schulpsychologe wurde hinzugezogen und ein weiterer Test wurde gemacht. Hier kam der Psychologe beim IQ Test zu einem Ergebnis von 129. In jedem Fall bei Daniels ausgeprägter "Störung" ein Vorteil.
Hätte er nicht diese Intelligenz, wäre er wohl schon längst nicht mehr auf der Schule.

Bei Daniel wirkt das Ritalin eher in Wellen. Ich weiß. dass die Lehrerin zum Beispiel weiß, dass er schwierig ist, leider aber überzeugt ist, dass er seine Handlungen steuert und extra provoziert. Ich weiß aus unserer eigenen leidvollen Erfahrung, dass dies nicht der Fall ist. Außerdem ist mein Sohn wie bereits erwähnt nicht dumm und keiner macht sich bewusst auf diese Weise sein Leben schwer.
Er wäre sicher kein Engel (wer will das schon) - aber er hätte längst gelernt, sich wenigstens vor Lehrern, Erziehern oder Eltern zurückzuhalten.

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass Erzieher und Lehrer bei einem Kind wie Daniel jede Handlung viel mehr in die Waagschale legen, als bei einem "normalen" Kind. Auch Daniel darf schließlich mal einen schlechten Tag haben und aus der Reihe tanzen!!!!! Wie dem auch immer sei, in der Zwischenzeit hatte mir das Jugendamt ja auch die Erziehungshilfe gewährt und Daniel bekam im Hort nun einmal in der Woche Besuch von einem Psychologen.
Auch dieser Psychologe hat Daniel noch einmal bezgl. der Intelligenz getestet und ebenfalls dieses hohe Ergebnis beim IQ erzielt. Sein "Verhalten" steht ihm halt im Wege bei seiner "Schulkarriere".
Daniel bekam in der Zwischenzeit wegen seiner Probleme mit der Aussprache (Sigmatismus) Therapie bei einer Logopädin. die ihn auch schon aus dem evang. Kindergarten kannte. Diese Therapie läuft ganz super und beide kommen toll miteinander aus. Sie ist von Daniel auch ganz begeistert und hat mir jede erdenkliche Unterstützung bei Problemen mit der Schule angeboten.

Nach dem ersten Schuljahr stand mit dem Hort eine Ferienfreizeit auf Norderney an und der Hort hatte sich entschieden, ihn trotz seiner Probleme mitzunehmen.
Man hatte allerdings schon von Ritalin SR gehört, das eine längere Wirkungsdauer hat und bat mich diesbzgl. mit meiner Kinderärztin Kontakt aufzunehmen. Besonders nachmittags würde deutlich werden, wie unruhig und weniger ansprechbar er mit dem Nachlassen der letzten Ritalindosis würde.
Die Ferienfreizeit sollte zwei Wochen dauern. Ich bekam das Ritalin SR dann noch kurzfristig vor Antritt der Ferien und bemerkte eine gute Wirkung, hatte aber nicht die Gelegenheit es noch lange zu testen.
Der Hort sagte mir dann, dass er sehr schwierig war und in Norderney fast nicht zu bändigen war. Wieder zuhause, musste ich auch wieder immer sporadisch die alten Verhaltensmuster feststellen. Er war sehr aggressiv und hin und wieder dachte ich vielleicht hat er jetzt eine Überdosis. Die Probleme häuften sich in Hort und Schule und ich malte mir schon die schlimmsten Dinge aus. Die Kinderärztin sagte dann, wir wechseln wieder auf das alte Ritalin (bei manchen Kindern verursacht SR diese Probleme) und können die Dosis unter Umständen noch um eine halbe Tablette erhöhen. Alles ging wieder viel besser.
Es klappte wieder in der Schule und im Hort allerdings nach wie vor mit Schwankungen. Aber die Aggressivität ist viel weniger geworden und auch die Heftigkeit. Ich weiß, ich bin noch nicht am Ende des Weges mit Daniel. Ich glaube er braucht vielleicht noch ein anderes Medikament - wir werden sehen.

Eines habe ich gelernt in all dieser Zeit: Niemand kennt mein Kind besser als ich. Ich weiß, ich bin nicht der totale Versager. Ich weiß, dass ich meine Sache gut mache (ich maße mir gar nicht an, alles perfekt machen zu wollen).
Ich lasse mich nicht mehr verunsichern. Ich weiß, ADS ist eine biologische Störung des Hirnstoffwechsels und als solche ein Krankheitsbild (die größten Zweifler sind bestimmt nicht betroffen). Ich toleriere Zweifler: Zweifel sind erwünscht, Zweifel zwingen zu hinterfragen, Zweifel lassen eine Diskussion erst entstehen.
Es ist sicher im Interesse der Kinder mit Psychopharmaka verantwortungsbewusst umzugehen - aber ich allein weiß was für mein Kind und mich richtig ist und ich gehe nicht leichfertig mit seinem meinem Leben um.

Ich werde nie vergessen, als wir gerade mit Ritalin begonnen hatten kam mein Sohn auf mich zu (er hat Medikamente immer verabscheut) und sagte: "Mama du hast mir meine Tablette noch nicht gegeben" ... Er hat da selbst gespürt, dass es ihm geholfen hat.

Ich kann allen betroffenen Eltern und Kindern da draußen nur sagen. Hört in euch hinein. Euer Bauch sagt euch was stimmt und was nicht!!!
LIEBE IST DER BESTE RATGEBER

Fördert/ fordert Eure Kinder/Euch, gebt Ihnen/ Euch "Input", auch wenn das manchmal nicht der Norm entspricht - nehmt sie/Euch ernst und habt sie/Euch lieb. Besonders wenn es ganz schwierig ist!!!!!!!!!

Daniel ist der größte Gewinn meines Lebens.
Er hat mich zu einem selbstbewussteren Menschen gemacht und mich auf den richtigen Weg gebracht.

Stand: 13. 02. 2003