Christian

Vor 14 Jahren freuten wir uns. Hurra, unser Kind ist da! Christian hatte es zwar etwas eilig und wäre beinahe schon im Auto, auf der Fahrt ins Krankenhaus, zur Welt gekommen, aber er war gesund.
Er war etwas untergewichtig.
Ziemlich früh schlief er nachts schon durch, genauso früh hielt er aber auch nichts mehr vom Mittagsschlaf.
Sowie er krabbeln und in seinem Laufwagen herumturnen konnte, fand er heraus, wie man die Sperren an Schränken und Schubladen aufmachen konnte. Aber viel mehr Spaß machte es ihm, mit den Schranktüren zu klappern. Sehr schnell gab ich ihm den Spitznamen "Pumuckl", weil ihm immer etwas Neues einfiel, um mich zu ärgern.
Unser Hund hatte manchmal schwer unter ihm zu leiden.

Mit einem Jahr konnte er dann laufen. Danach war nichts mehr vor ihm sicher. Mit drei Jahren verblüffte Christian schon mit seiner Sprachgewandtheit. Munter, wie mein Sohn war, freute ich mich auf die Zeit, wenn er in den Kindergarten musste. Doch davon hielt er überhaupt nichts. Es war jeden Tag ein Geschrei und Gezerre. Die Kindergärtnerin meinte, das gibt sich. Nichts! Christian hatte auch so gut wie keine Freunde im Kindergarten. Und von Malen und Basteln hielt er auch nichts.

Mit 6 Jahren kam Christian in die Schule. Auch dort ging er nur widerwillig hin. Die ersten zwei Jahre war er ein guter, aber stiller Schüler. Als er in der dritten Klasse eine neue Klassenlehrerin bekam, war es damit vorbei. Er hatte ständig Bauchschmerzen, Übelkeit und Migräne. Außerdem machte sein Kreislauf Purzelbäume.
Die Kreislaufprobleme und die Migräne wurden sogar von einem Arzt bestätigt und Christian bekam Medikamente. Bald fiel uns auf, dass die gesundheitlichen Schwierigkeiten immer dann auftauchten, wenn er aus dem Haus musste. So behielt ich ihn in der Grundschulzeit immer öfter zu Hause und unterrichtete ihn. Es gab zu Hause keinerlei Schwierigkeiten mit dem Schulstoff. Er lernte schnell und leicht.
Ich beruhigte mich, die Abneigung gegen die Schule wird sich geben, wenn er in die Förderstufe kommt.

Mit 10 Jahren kam Christian in die Förderstufe, Mathe und Englisch A-Kurs. Es wurde ein Desaster. Die Lehrer waren nicht mehr so freundlich wie in der Grundschule. Sie verlangten eigenständiges Arbeiten. Mein Sohn vergaß seine Hausaufgaben, seine Schulsachen usw. Die Hausaufgaben dauerten Stunden und sahen dann aus, als wäre eine Schar Hühner darübergelaufen. Seine gesundheitliche Situation hatte sich auch nicht gebessert, nur jetzt konnte ich ihn nicht mehr so oft zu Hause behalten.

In der 6.Klasse wollte Christian dann zum ersten Mal die Schule hinschmeißen. Ich ging mit ihm zu einer Psychiaterin. Diese meinte, es würde wohl an mir liegen. Ich würde zu viel Druck auf meinen Sohn ausüben. Mein nächster Weg führte mich zur Klassenlehrerin. Ich bat sie, Christian aus den A-Kursen herauszunehmen. Dieses verweigerte sie, und riet mir, meinen Sohn auf Hochbegabung testen zu lassen.
Also machte ich einen Termin bei der Schulpsychologin aus. Der Test dauerte 30 Minuten. Das Ergebnis: Mein Sohn ist ein helles Kerlchen, aber sonst ist alles normal. Wir sollen etwas mehr Druck ausüben, damit er seine Hausaufgaben mittags zügig erledigt. Ich war erleichtert. Mein Sohn war völlig normal. Ich war an allem Schuld, weil ich nicht energisch genug war.
Zum Ende der sechsten Klasse bekam Christian, trotz der nicht gerade berauschenden Noten, die Empfehlung: Gymnasium bilingual.

So ging das Chaos weiter. Mein Sohn beteiligte sich kaum noch am Unterricht und brachte in der 7.Klasse eine schlechte Arbeit nach der anderen nach Hause, blieb aber trotzdem nicht sitzen. Auch privat war Christian in den letzten drei Jahren immer schwieriger geworden.
Anfangs weinte er sehr viel, konnte sich aber nicht erklären "warum".
In seinem Zimmer herrschte genauso ein Chaos, wie in seinem Kopf.
Später sprach er kaum noch mit uns. Er zog sich immer mehr zurück. Sein bester Freund war sein Computer.

So kam des Dramas letzter Teil. Christian wurde in die 8.Klasse versetzt. Gleich zu Beginn des ersten Halbjahres bekamen wir die ersten Fünfer zu sehen. Das Seltsame an dieser Situation war nur immer, dass Christian zu Hause den Schulstoff konnte, aber in der Schule war alles weg.
Von einer Nachbarin hörte ich von einer Psychotherapeutin, die Tests auf ADS macht. Ich vereinbarte einen Termin. Der Test dauerte 4 Stunden. Mein Sohn brachte im Handlungsteil nichts zustande, wenn er jedoch im Allgemeinwissen abgefragt wurde, glänzte er wieder mit seinem Wissen und seiner Sprachgewandtheit. Sie sprach mit uns aber auch über seine massiven Ängste und dass er ein Kandidat zum Schulverweigerer ist. Da Christian aber in keiner Weise aggressiv ist, kann kein ADS und keine Hochbegabung diagnostiziert werden.
Das Ergebnis: Mein Sohn hat zwar Suizidgedanken und die Tendenz zur Schulverweigerung, ist aber sonst völlig normal.

Jetzt reichte es mir. Ich ging mit meinem Sohn und dem schriftlichen Testergebnis zu einem Psychiater. Dieser pflückte das Ergebnis auseinander, machte einige Untersuchungen und ein EEG. Und siehe da, mein Sohn hat ADS. Der Arzt gab mir noch mit auf den Weg, wenn Christian es mit diesem ADS ohne Medikamente und ohne sitzenzubleiben bis in die 8.Klasse bilingual geschafft hat, dann steckt wahrscheinlich noch mehr dahinter.
Der Arzt verschrieb meinem Sohn "Amphetaminsulfat" und bat uns, bei jeder Verschreibung persönlich vorzusprechen, damit er den Verlauf der Störung mitverfolgen kann.

Jetzt kommt das Positive: Christian diskutiert und unterhält sich wieder mit seinen Eltern. Mit dem Halbjahreszeugnis bekamen wir noch ein "Versetzung gefährdet" serviert. Nach meinem letzten Gespräch mit der Klassenlehrerin ist davon nicht mehr die Rede. Jetzt muss er nur noch die, sich über Jahre hin aufgebaute, Prüfungsangst verlieren.

Und doch noch etwas Negatives: Christians Zimmer sieht immer noch aus wie eine Räuberhöhle. Jeder Schritt in diesem Raum ist für einen, der dort unvorbereitet hineingeht, lebensgefährlich. Aber man kann ja nicht alles haben, und wer aufräumt, ist zu faul zum Suchen.

Noch ein großes Lob an Anneliese. Ohne ihre Homepage und ihren Zuspruch hätte ich das letzte Gutachten wohl wieder als gottgegeben hingenommen und das Chaos wäre weitergegangen.

Stand: 26. März 2002